Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1918-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1918) · page 80

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1918)
Date
1918-05-01
Page
– (sequence 80)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2292929-2292980-2292984--02898-2296171
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

336 Jüdisch-Deutsch und Hebräisch. unserer einstigen Nationalgüter erzogen werden sollte, dann ist das Hebräischlernen und Hebräischkönnen ein unerläßliches Postulat, dem nur durch Einführung des Hebräischen als Unterrichtssprache entsprochen werden kann. Es ist übrigens nicht meine Absicht, ein allzuschweres Geschütz von Gründen gegen den der Verbreitung der hebräischen Sprache feindlich gegenüberstehenden Jargon ins Trefien zu führen. Ich vermeide es daher absichtlich darauf hinzuweisen, daß Hebräisch im Gegensätze zu allen anderen Sprachen göttlichen Ursprungs ist und sie daher keine Kivalität vertragen kann, daß keine Sprache es wagen darf, mit ihr zu rivalisieren. Ich möchte daher auch nicht die bekannte Stelle in Sifra (Paraschat Ekeb), die das Hebräischsprechen als göttliches Gebot und das Unterlassen desselben als eine schwere Versündigung der Eltern gegen ihre Kinder hinstellt, breit anführen, zumal wir uns in den meisten Kultur- Staaten, wo Schulzwang eingeführt ist, diesbezüglich auf den als Gesetz anerkannten Ausspruch דיכא דכללברתא דיכא berufen können. Die Tatsache, daß wir im Golus sind, das es mit sich bringt, daß wir in geistiger wie in materieller Hinsicht zu leiden haben und daß wir hier dem Ideale unserer Tbora nicht leben können, ist Entschuldigung genug für ein solches Vorgehen. Nicht zu entschuldigen jedoch wäre dies, wenn wir. wie es in Polen der Fall und in Kußland zu erhoffen ist, in die Lage kämen, für unsere Jugend die Sprache zu wählen. Es wäre dies um so weniger zu entschuldigen, als der Jargon, wie wir wissen, den Hebraismus und zvrar nicht bloß den modernen, sondern das Hebräische überhaupt und sogar die Thora, durch eine in Jargon verfaßte kurze Wiedergabe ihres Inhalts zu ersetzen bestrebt ist. Die Ansicht, daß Hebräisch eine tote Sprache ist, ist längst durch die Tatsache, daß sie in dem Munde weiter Kreise in Kußland, besonders durch den Hinweis, daß sie in Palästina nicht nur in sämtlichen Schulen, sondern auch im sonstigen Verkehr lebt, widerlegt worden. Was von der Macht der menschlichen Sprache überhaupt gesagt wird, daß nämlich ״Tod und Leben in ihrer Gewalt liegt“, das gilt von der Entschließung der jüdischen Massen für Jargon oder Hebräisch in besonderem Sinne, denn das Verhältnis der hebräischen Sprache zur Thora ist genau, wie das der Schale zur Frucht. Will man die Frucht erhalten, so muß man auch für den Bestand der Schale sorgen, die Verbreitung und Wiederbelebung der Sprache der Väter wird auch den Bestand der Thora sichern.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.