Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- – (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Charakterbilder unserer großen Gesetzeslehrer. 327 zurückzuführen ist. Zu seinen Hörern zählte dort, unter anderem, auch der junge Salomo b. Jehuda ibn Gabirol, der nachmals als Denker seine eigenen Wege ging, als Dichter aber den Wohllaut der hebräischen Sprache mit dem Gedankeninhait der heiligen Schriften und den philosophischen Ideen seiner Zeit in wunderbar harmonischer Weise auf Geist und Gemüt wirken zu lassen verstand. In ihm erstand auch dem bescheidenen R’Nissim ein begeisterter Lobredner, wie wir das aus einem erst in letzter Zeit bekannt gewordenen Gedicht ersehen1). Wir erfahren hier, wie der große Gesetzeslehrer dem jungen, schon damals dem Kummer verfallenen Dichter liebreich zur Seite gestanden und ihn aüfzurichten versuchte. Gabirol vergleicht ihn darum, seine Liebe preisend, mit dem Meere, das überall hin seine Fluten erstreckt; sein Herz sei wie dessen 'Spiegel, dem der Mensch sich nähert, ohne seine Tiefe ermessen zu können. Dem Schüler sei er kostbarer als sein eigenes Herz, das er vor dem Lehrer ausschütte; ihm gelte sein ständiges Sinnen. In einer leider unübertragbaren talmüdischen Anspielung preist Gabirol den R’Nissim als einzig in seiner Art dastehend, der, wie das Wort אחר im Schema-Bekenntnis, einen lang anhaltenden Nachhall in seinem Herzen zurücklasse: ואם אח כמו אחד אניחמאריכי: bleibe er ihm doch unvergessen auch nach der Trennung, um derenwillen er weinend herumgehe. Ihre Seelen seien miteinander unlöslich verbunden und jeder Ort, den beide betreten, habe für ihn eine weihevolle Erinnerung. Nichts könne sie trüben, so wenig das feine Gewürz und wohlriechende Öl einen Schaden nehmen kann, nachdem man an ihnen sich erquickt. — Mag auch manches an dem Gedicht den! poetischen Überschwang zugeschrieben werden, so bleibt doch noch viel übrig, um uns das Bild des bescheidenen Lehrers in strahlender Charakter- und Geistesgröße erscheinen zu lassen. R’Nissim starb nach 1040, ohne einen leiblichen Erben seiner hohen Gaben zu hinterlassen. J) Es wurde veröffentlicht aus einem Genizastück in Brodys und Al brecht s שדד השיח. (Fortsetzung folgt).