Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- – (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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324 Charakterbilder unserer großen Gesetzeslehrer. entgegen; seine ’Ansichten in dieser Schritt berühren sich mit denen, die er in seinem *talmudischen Werk äußert, aufs Engste. Vor allem bemüht er sich, bei manchen agadischen Aussprüchen den scheinbaren Widerspruch mit dem gesunden Menschenverstand auszugleichen und ihnen eine vernunftgemäße Auslegung zu geben. So berichtet er, daß einst ein Schüler ihn über die Bedeutung des Ausspruches in Berachoth 56a אין מראין ד־ילועין אלא ליראי שמים befragte; er konnte ihm keine auf eine frühere Autorität sich stützende Aufklärung hierüber geben und erklärte es nun auf folgende Weise: Der Kürbis erreicht unter allen Früchten die bedeiiteridste Größe, wächst aber nicht über das Erdreich hinaus, ßihkt vielmehr beim Wachsen immer mehr in dieses hinein; dasselbe nehmen wir nun auch an den Gottesfürchtigen währ: jd melir sie an Größe und Bedeutung zunehmen, desto stärker tritt ihre Bescheidenheit hervor. — Zu der merkwürdigen Stelle in demselben Traktat 32a, in Verbindung mit Num. 12, 21, wo Gott bei Seinem Leben schwört — ואולם הי אני — und die der Talmud so auslegt, daß Er damit zu Moses sagen wollte, er habe Ihm mit seinem Worte gleichsam das Leben wiedergegeben, bemerkt Nissim folgendes: Seinen Schülern wäre dieser Ausspruch als sehr befremdend und die Angriffe der Traditionsfeinde — wohl sicher der Karäer — herauszufordern geeignet erschienen; indes habe er es so erklärt: Als Gott das Volk Israel in der Wüste zu vernichten beschlossen* hatte, wendete Mose ein, daß dies die Völker zum Zweifel an der göttlichen Allmacht veranlassen würde. Nun gehöre die Macht zu einem ebenso unbestreitbaren Attribut des Allerhöchsten, wie Sein Dasein, die Anerkennung Seiner Existenz, and, indem Mose Gott zum Verzeihen gegenüber dem Volke bewogen und damit jede Leugnung von Seiner Allmacht unmöglich gemacht, habe er auch gleichsam Sein Bestehen unleugbar dargetan. — Im allgemeinen vertritt Nissim eien Standpunkt, daß die Agadas ihres anthropomorphischen Gewandes entkleidet, überhaupt der vernunftgemäßen Auffassung angepaßt werden müssen; wo dies nicht möglich sei, solle man