Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- – (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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306 Von den Juden Ostgaliziens und ihrer Jugend. erwähnte Tatsache, daß diese Juden viel mehr Gefühlsals Verstandesjuden sind, und wie oft versagt nicht das auf sieh selbst gestellte Gefühl dort, wo strenger Wille, eiserne Energie und Konsequenz gefordert werden. Schließlich aber muß man berücksichtigen, daß diese Juden durch ihr äußeres Verhalten gar nicht beabsichtigen, den Schein besonderer ״Heiligkeit44 zu erwecken. Das äußere Gebaren ist bei den meisten nichts mehr als das Produkt des spezifisch nationaljüdischen Milieus, von dem wir eingangs gesprochen haben. Man mag es aufs tiefste bedauern, daß die geschichtliche Entwickelung so weit geführt hat. aber man hüte sich, die Kinder dieser Entwickelung zu scheinheiligen Sündern zu stempeln. Der breiten Masse der Orthodoxie stehen die beiden anderen großen Gruppen der jüdischen Bevölkerung gegenüber: die Assimilanten und die Zionisten. Eine scharfe Scheidung der drei großen Gruppen ist im Einzelfall oft nicht möglich: wir finden vielmehr — wie bei jeder organisierten Ent- Wickelung — häufig TJbergangsformen vor. Zwischen den Orthodoxen und der auf dem Boden des religiösen Nationalbegriffs stehenden zionistischen Masse stehen die in geringer Zahl vorhandenen Misrachisten; die Orthodoxie und die Assimilation berühren sich dort, wo der Mann ein gläubiger Chossid’, die Familie jedoch auf assimilatorischem Boden steht. Von diesen Übergangserscheinungen müssen wir in der Analyse abstrahieren, wollen wir zur Erkenntnis der Typen gelangen. Die Assimilation mag wohl in allen Ländern ein gleiches Gesicht zeigen. Die polonisierende Assimilation in Galizien ist ein Zwillingsbruder der Assimilation hierzulande. Hier wie dort zeigen sich die großen Zahlen der Mischehen, und überall erblicken wir die Schlußsteine der Entwickelung in der Taufe. Die Reichen waren die ersten, die ins Lager der Assimilanten übergingen. So kam es, daß von den alten vornehmen jüdischen Familien Galiziens, dem sog. ״jüdischen Adel44, den Bernsteins, den Horowitz usw. kaum ein Sproß