Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- – (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Von den Juden Ostgaliziens und ihrer Jugend. 303 der zum größten Teil in den Händen des Juden ist, ruht — während am Sonntag geschäftliches Leben ist. Kurzum ein nationaljüdisches Milieu im guten alten Sinne des Wortes. Die Träger dieser auf dem Religionsgesetz beruhenden jüdischen Kultur wollen wir einmal als ״Orthodoxe“ be-־ zeichnen. Und doch, so einheitlich das orthodoxe Milieu mit den gleichgekleideten Menschen äußerlich erscheint, so zersplittert ist es, wenn man näher an das Bild tritt. Von dem tiefgreifenden Gegensatz zwischen den Chassidim, die hier in großer Überzahl sind, und den Misnagdim will ich schweigen. Nein, innerhalb dieser Gruppen gibt es — namentlich unter den Chassidim — Spaltungen bis in kleinste Gruppen und Grüppchen Man kann fast sagen: jedes Individuum ist ein Typus für sich. Da scheiden sich die Parteien, je nachdem welchem Rebbe sie zugehören: die einen sind Anhänger des Beizer Rebbe, die anderen des Sadogorer, die dritten des Czortkower usw. In den Großstädten bilden die einzelnen כתי מדרשות die vielfach Berufsgemeinschaften sind, Gruppen für sich, die sich gewöhnlich gegenseitig heftig befehden. Die auch uns deutschen Juden nicht unbekannte Sucht, irgendwo eine Rolle zu spielen, ist vielfach die Trägerin dieser Parteikämpfe und sie zögert nicht, den Streit bis in die kleinsten Grüppchen hineinzutragen, bis schließlich der ganze jüdische Komplex in Atome aufgelöst ist. Diese inneren Zwistigkeiten setzten schon im Frieden den Bestrebungen einer orthodoxen Gesamtorganisation den unerfreulichsten Widerstand entgegen, und infolge der Zersplitterung sind die Neologen die tertii gaudentes in der jüdischen Gemeinde- Verwaltung, in der kein einziger Orthodoxer sitzt. Allerdings muß ich gestehen, daß ich kaum einen orthodoxen Juden kennen gelernt habe, der die Fähigkeit besäße, die orthodoxen Interessen innerhalb des Gemeindevorstandes richtig wahrzunehmen, und eine geeignete Persönlichkeit wäre, die Gemeinde nach außen würdig zu vertreten. Denn noch verhängnisvoller als die Zersplitterung ist