Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 237 (sequence 105)
- Language
- German
- Belongs to
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Tancred. 237 Ich möchte Sie gerne etwas fragen: glauben Sie, daß wir heutigen Juden zur Strafe in alle Welt zerstreut sind und Verfolgung erleiden? Tancred nickte sanft mit dem Kopfe. ״Warum denn?“ fragte die Dame. ״Es ist eure Strafe für die Kreuzigung des Messias und die Ablehnung seiner Lehren1 ״Wo steht das geschrieben?“ ״Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ (Matth. 27, 25.1 ״Die Verbrecher sagten das, nicht der Richter. Ist es in eurem Rechtsverfahren den Schuldigen gestattet, sich ihre eigene Strafe auszusuchen? Sie könnten doch noch eine weit schwerere verdient haben. Und warum sollten sie die Strafe für ihre Kinder erbeten haben? Welchen Beweis habt ihr dafür, daß die Vorsehung den Vorschlag angenommen hat? Davon steht doch nichts in euren heiligen Büchern. Da steht doch gerade das Gegenteil. Er, der nach eurem Glauben allmächtig ist, bat J., ihnen wegen ihrer Unwissenheit zu vergeben. Aber gesetzt, daß der Vorschlag angenommen wurde — was meiner Meinung nach eine Blasphemie ist —, ist das Geschrei eines Janhagels bei Gelegenheit einer öffentlichen Hinrichtung maßgebend für eine ganze Kation? In der Provinz hatte Jesus doch um diese Zeit schon eine bedeutende Anhängerschaft — er hatte dort drei Jahre lang seine Lehre verkündet — und hatte im ganzen guten Erfolg gehabt —, warum sollten diese Leute und ihre Kinder ebenfalls leiden? Aber Sie werden einwenden, daß das Christen waren. Zugegeben. Wir waren aber ursprünglich eine Nation von zwölf Stämmen — zehn davon wurden lange vor Jesu in die Gefangenschaft geführt und über die mittelländische Welt und den ganzen Orient verstreut; von ihnen stammt wahrscheinlieh die Mehrzahl der heutigen Juden ab: denn wir wissen, daß selbst zu Jesu Zeiten aus jeder römischen Provinz Juden nach Jerusalem zum Passahfest kamen. Was haben die mit der Kreuzigung oder der Ablehnung der Lehre Jesu zu tun gehabt?“ ״Das Schicksal der zehn Stämme ist eine höchst interessante Frage.“ sagte Tancred. ״aber ihre Lösung scheint außerhalb des Bereichs der Möglichkeit zu liegen In England glauben manche Leute, daß die verlorenen zehn Stämme die Afghanen sind, die oft versichert haben, daß ihre Vorfahren den Gesetzen Mosis gehorchten. Aber vielleicht existieren sie überhaupt nicht mehr und sind mit ihren Eroberern verschmolzen.“ ״Die Juden haben sich niemals mit ihren Eroberern vermischt,“ sagte das Mädchen stolz. ״Sie sind zwar häufig unterworfen worden, und ihr Staat teilte darin nur das Schicksal aller jener Staaten, die zwischen größeren, feindlichen Reichen gelegen waren. Syrien war das Schlachtfeld der großen Monarchien. Jerusalem ist keines weg öfter