Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 234 (sequence 102)
- Language
- German
- Belongs to
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Tancred. 234 In Bethanien bei Jerusalem hat er eine eindrucksvolle Begnung mit Eva, der selbstverständlich wunderschönen Tochter des selbstverständlich unheimlich reichen syrischen Juden Besso, an den ihn der Londoner jüdische Geldfürst Sidonia empfohlen hatte. Dieses merkwürdige Mädchen wird sein Schutzengel, der mit mathematischer Pünktlichkeit immer da auftaucht, wo es Tancred so schlecht ergeht, daß der Autor keine andere Lösung dieser schwierigen Lage findet. Aber trotz der uns heute seltsam berührenden Harmlosigkeit der Komposition möchte ich jedem, dem das Erwachen des Judentums ans Herz greift, dieses Buch zu lesen raten. Wohl wird man, wie auch in anderen Büchern Disraeii?s, oft an selige Gartenlaubenzeiten erinnert durch die Unwahrscheinlichkeiten der Handlung, durch den Edelmut mancher Personen ebenso sehr wie durch die phantastische Ruchlosigkeit anderer. Dazwischen aber, und mit allem Unglaubhaften versöhnend, leuchtet und wärmt der erhabene Stolz des großen englischen Staatsmannes auf seinen jüdischen Adel, funkelt der Blitz seiner klugen Ironie, ergreift die dunkle Tiefe seiner dämonischen Menschlichkeit. Alles Widerspruchsvolle im Wesen des Lord Beaconsfield, dem seine Zeitgenossen den Kamen der Sphinx gaben, spricht aus den Charakteren der hier gezeichneten Figuren, die bei jeder sich irgendwie darbietenden Gelegenheit uns in ausführlichen Reden ihre religiösen und politischen Ansichten darlegen. Und nun möchte ich den Verfasser in einigen Sätzen sprechen lassen, nicht um dem Leser die Lektüre des Buches zu ersparen, sondern um ein kleines Bild von dem urspriinglieh jüdischen Gehalt der Gedanken und der Wärme der Sprache zu geben, für deren formvollendete deutsche Fassung dem Übersetzer Oskar Levy noch besonderer Dank gebührt. ״Wenn ich daran denke, daß der Schöpfer, seitdem das Dunkel dem Lichte gewichen ist, sich seiner Kreatur nur in einem einzigen Lande offenbart hat . . . so bin ich fest davon überzeugt, daß jenem Lande, in dem derartige große Ereignisse stattgefunden haben, gewisse merkwürdige Eigenschaften anhaften müssen, die wir Menschen nicht in allen Zeitaltern zu enträtseln vermögen, die aber dennoch zu allen Zeiten einen unwiderstehlichen Einfluß auf unser Schicksal ausüben müssen (S. 70).