Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 230 (sequence 98)
- Language
- German
- Belongs to
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230 WelLhausen und der heutige Stand der Bibelwissenschaft. weise bereits in einer klar erhellten Geschichtsepoche — der hebräische Bibeltext unversehrt sieh erhielt, obwohl der nichtjüdischen Welt damals die Mittel und das Empfinden der genauen Konservierung eines Literaturwerkes noch abgingen, so ergibt sich Mosaizität und Einheitlichkeit des Pentateuchs, ganz wie es die jüdische Tradition annimmt, aber auch nach dem Gesetz vom zureichenden Grunde, als ein Postulat vernünftigen Denkens. Will man trotz der oben dargetanen diametralen Verschiedenheit in den beiderseitigen Ergebnissen der Bedeutung Wellhausens gerecht werden, so ist ihm einerseits zum Verdienst anzurechnen, den Blick für die literarkritischen Probleme des Alten Testaments geschärft und eine neue Art der Bibelbetrachtung in den Brennpunkt wissenschaftlicher Diskussion gestellt zu haben, welche auch die Gegenseite zu sorgfältigerer Eundierung ihres Standpunktes herausfordern mußte. So haben auch die durch Wellhausens Angriffe hervorgerufenen Werke Hoffmanns eine weitgehende Klärung dunkler oder strittiger Punkte gebracht. Aber Wellhausen hat seine Gescinelitskonstruktion nicht, wie er es hätte tun sollen, an der Hand der Quellen herangebildet, sondern sein geschichtsphilosophisches System, das der Entwickelungstheoretik, den Quellen aufgezwungen oder — besser gesagt — die Quellen danach umgestaltet. Die ״moderne Behandlung der alttestamentlichen Religionsgeschichte setzt die Ergebnisse der Literarkritik voraus und baut auf ihnen auf, die Literarkritik aber ist ihrerseits durch religionsgeschichtlicheldeenbeeinflußt.so daß die Forschung sich in einem Zirkel bewegt“, sagt schon P. Vetter. Was zum angenommenen Bilde ' f paßte, wurde als Zusatz erklärt, ohne daß durch sorgfältige Kleinarbeit der Einzelexegese geprüft wurde, ob auch der innere Zusammenhang der Stelle eine solche Streichung forderte oder gar zuließ. Gleichfalls mußte sich das garnicht motivierte Mißtrauen gegen die außerbiblische Tradition an Wellhausen rächen, ebenso wie das hartnäckige Verschließen gegen die Ergebnisse der Religions- Vergleichung und der aus den Keilschriften erschlossenen