Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 226 (sequence 94)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Wellhausen und der heutige Stand der Bibel Wissenschaft. Profetie angeregt worden sein soll, längst vorher in Israel volkstümlich war1) und nach manchen als altorientalische Heilserwartung bestand2) (deren Verbindung und Durchdringung mit ethischen Tendenzen ist freilich unter allen Umständen bloß Israel eigen). Nun geht es aber nicht an, die ersteren Erscheinungen etwa auf babylonischen Kultureinfluß während des Exils zurückzuführen, denn zunächst handelt es sich hier in der Hauptsache um Ideenkomplexe, die der doch gewiß genuin jüdischen Mischna anscheinend längst geläufig sind. Dann aber finden wir die erwähnten Gedanken wohl im Babylon des 3. Jahrtausends. Zur Zeit des jüdischen Exils waren sie jedoch in ihrer alten Form den Babyloniern längst entrückt und höchstens noch Archivaren wie einem Berossos zugänglich. Kann damals also von einer Entlehnung keine Bede sein, so müssen diese gleichwohl nur außerbiblisch bezeugten Überlieferungen in die vormosaische Zeit hinaufreichen, wo jene Ideen noch Gemeingut der Semiten — oder erweislich — der Nordsemiten waren. Die jüdische Traditionskette von den Patriarchen bis zum Talmud wies also niemals eine Lücke auf. Fassen wir ein weiteres Gebrechen der Darstellungsweise der Kritik ins Auge. Dieser war es selbstverständlich, daß Stoff und dessen Bedaktion gleichaltrig sein mußten. Aber auch die Mischna ist erst im 2. Jahrhundert post redigiert worden, und trotzdem enthält sie — wie bereits gesagt — noch vormosaisches Material. Oder ein anderes Beispiel aus der nichtjüdischen Bechtsgeschichte: Die nordgermanischenBechtsquellen gehören dem späteren Mittelalter an; das darin aufgezeichnete Bechtsgut ist jedoch weit altertümlicher als die Volksrechte des 6. Jahrhunderts. Also selbst wenn die literarkritischen Entscheide völlig richtig sein würden, wäre die Jugendlichkeit des Stoffes noch nicht damit bewiesen. ף Ygi. Giessmann, Ursprung d. israelitisch-jüd. Eschatologie (Forsch, z. Pel. u. Lit. d. A. u. N. T. VI 1905.) 2) Vgl. bes. Jeremias, Altor. Geisteskultur S. 205 ff.; Sellin a. a. O. 39.