Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 225 (sequence 93)
- Language
- German
- Belongs to
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Wellhaus en und der heutige Stand der Bibel Wissenschaft. 225 Ebenso wie das Judentum nur bis zur Entstehung des Christentums Substrat der kritischen Forschung sein durfte, vermied man es streng, alles was zeitlich außerhalb jener neuen Glaubensbildung lag, auch nur zu erwähnen. Es konnte schaden, war wenigstens unbequem! Das im Talmud angehäufte Material war der Schule nichts weiter als ein Geistesprodukt obskurer Rabbinen des zweiten bis sechsten Jahrhunderts, ohne jeden historischen "Wert für die zurückliegende Zeit. Nun soll hier nicht etwa gefordert werden, sämtliche Kontroversen des Talmud unter einen Hut zu bringen und von Wellhausen und Genossen zu verlangen, den Talmud ohne weiteres als authentische Interpretation der Schrift anzuerkennen, aber jenes gigantische Geisteskonglomerat hat doch zumindest, gleich jeder andersartigen Literaturgattung, den bescheidenen Anspruch, unter die historische Lupe genommen und nicht — wie es geschah — unbesehen auf die Seite gelegt zu werden. Irgendein Zusammenhang zwischen der talmudischen Denkweise und der Bibel mußte doch bestehen, und darauf hätten die Konstrukteure der Geschichte Israels Bedacht nehmen müssen, schon um ihrer wissenschaftlichen Legitimation willen. Die altorientalische Forschung überraschte daher alle jene Kreise, die sich in Nichtachtung des Talmuds nicht genug tun konnten. Um so mehr als man fand, daß eine Reihe talmudischer Normen — und zwar gerade solche, deren Schaffung auch jüdische Historiker den Talmudisten zuschreiben — mit dem altbabylonischen Recht der Zeit Hammurabis übereinstimmen; es sind also ursemitische Rechtssätze1). Besonders verrät aber die Agada in ihrer reichen Symbolik Vertrautheit mit dem astralen Weltbild der Babyloui^-2). Und es ist dargetan worden, daß auch die jüdische Eschatologie, die messianische Lehre, welche allgemein als nachexilisch galt und erst von der *) Vgl. Jampel a. a O. S. 122 f.; Lerner. Thorath-hamischna, sowie einstweilen Neubauer a. a. O. S. 197 A. 164. 2) Vgl beispielsweise Wünsche, Salomos Thron u. Hippodrom (Ex Oriente Lux II, o», sowie die verschiedentlich bei Jeremias, A. T. i. L. A. 0., angeführten Parallelen aus der agadischen Literatur.