Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 224 (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Wellhausen und der heutige Stand der Bibel Wissenschaft. samte Religionsleben des Orients wird beherrscht durch die Dissonanz zwischen Volksreligion und höherer Religion. Auch in Babylon pflegen die Priester schon henotheistischer Spekulation; was aber den höheren Religiösen Symbolik dünkt, wird vom Volke im gröbsten Sinne des Wortes ״vergottet“ 1). Eine Erscheinung, wie wir sie — worauf Jeremias treffend exemplifiziert — ungeschwächt heute noch im Heiligenkultus christlicher Konfessionen antreffen. Dabei ist es keineswegs ausgemacht, daß im Laufe der Zeit stets ״die höhere Auffassung an Raum gewinnt und die niederen Züge abstößt“. Gerade in der priesterlichen Geheimlehre Altbabylons finde» sich vielleicht Ansätze zum Monotheismus, die aber durch fortwährende Potenzierungen des Polytheismus bald verschwinden, ohne ihrerseits der herrschenden Volksreligion einen Impuls zum Aufstieg zu verleihen. Angesichts der nun aufgedeckten altorientalischen Geschichte hat man sich endlich zu der wohl berechtigten Anschauung durchgerungen: Die kulturelle, ebensosehr wie die religionsgescbichtliche Entwicklung erfolge nicht geradlinig,sondern wellenförmig. Mit den religionsgeschichtlichen Prämissen fällt aber auch ein Hauptbedenken der Schule Wellhausens gegen die vorexilische, ja sogar eine mosaische Datierung von P; denn der dort gewiß vorausgesetzte abstrakte Monotheismus kann wohl die höchste, braucht aber durchaus nicht die letzte Errungenschaftsstufe der Religio» Israels zu sein. Allem Anschein nach wohnt der letztere» dieser lautere Gottesglauben von Anbeginn inne. Zu den weiteren Grundsätzen des beliebten und fast durchweg angewandten Untersuchungssystems — ein Versuch, es zu ändern, war gleichbedeutend mit Ketzerei — gehört die stoffliche Absteckung auf die alttestamentlichen Quellen, eine Grenze, die höchstens noch die Apokryphen einschließt2). *) Vgl. hierzu. Sellin a. a. O. S. 63, Hehn a. a. O. 96 ft; Jeremias, Altor. Geisteskultur 227 ff, sowie bes. seine lichtvollen Ausfühxungen ״Einfluß Babyl.“ S. 23. 2) Schon von Güdemann, Jüd. Apologetik 1906 S. 137 ff., mit Hecht gerügt.