Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 219 (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
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WellhaTisen und der heutige Stand der Bibelwissenschaft. 219 wälzuug der bisherigen Betrachtungsweise des Alten Testaments, deren letzte Auswirkungen zur Zeit noch nicht zu übersehen sind. Wellhausen und Stade hatten für die Zustände Altisraels auf das damals allein näher bekannte primitive altarabische Stammesleben exemplifiziert und die israelitische Religion in das Schema der Nomaden-, Bauern-, Profeten- und nomistischen Religion gezwängt1). Dabei ging es — äußerst behutsam gesprochen — nicht ohne scholastische Spitzfindigkeiten ab. Beispielweise wenn Stade allen Ernstes sich zu der Behauptung ▼ersteigt, das Bilderverbot des Dekalogs könne nur bedeuten, keine künstlichen Bilder anzufertigen, wohl aber wäre es geboten, Fetische zu benutzen. Das Wellhausen-Stade’sche Theorem scheiterte an seinen hypothetischen Prämissen, deren Unhaltbarkeit jene orientalisehen Funde ergaben. Denn diese zeigten weiter, daß keine der orientalischen Kulturreligionen schon zu jener Zeit sich noch einer solchen Konkretisierung schuldig machen konnte, wie man sie den Israeliten zumutete. Schon die Babylonier Wincklers — den israelitischen Quellen wohl für die weit hinter ihnen, nicht aber ihnen näherliegende Periode Glaubwürdigkeit zuzubilligen — hat auch Eerdmans a. a. O. II 18 treffend gegeißelt. Es ist erfreulich, daß Jeremias von seinem ehemaligen Mitkämpfer deutlich abrückt und vor ״einer Überschätzung der religiösen Bedeutung der astralmythologischen Stilformen“ warnt (A. T. i. L. d. alt. Orients S. 269). Die mythische Stilforschung, wie sie Jeremias betreibt, ist geeignet, eine überraschende Neuwertung der kabbalistischen Exegetik, mit der sie im Ergebnis mannigfach übereinstimmt, herbeizuführen (vgl. schon Neubauer a. a. O. S. 15Q. A. 80). Schon jetzt kann man sagen, daß angesichts der Untersuchungen von Jeremias hierdurch der Zusammenhang der Kabbala mit altorientalischen Ideen als gesichert erscheint; die Mystik kann also nicht, wie es noch die moderne jüdische Geschichtsschreibung wollte (der Streit über die Authentie des Sohar!), eine Ausgeburt mittelalterlicher Phantasien sein. Im übrigen freilich sieht sich der Verfasser bemüßigt, den ״Kanon“ dieser mythisch-symbolischen-Erklärungsweise wohl u. a. für Einzelheiten, keineswegs aber für das Verständnis einfacher, natürlicher Erzählungen, wie beispielweise der Vätergeschichten, anzuerkennen. *) Vgl. bes Marti, Gesch. d. israelitischen Religion 1897.