Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 136 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Zionismus, ]STationaljudentum und gesetzestreues Judentum. es handelt sieh für uns ja auch nicht darum, dem Gegner die Unhaltharkeit seiner Anschauung nachzuweisen oder ihn für unsere Überzeugung zu gewinnen. Wir wollen nur zu erklären suchen, warum der gesetzestreue Jude von seiner religiösen Anschauung aus sich nicht zu den Ideen des Nationaljudentums zu bekennen vermag, welcher Wahrheitskern aber andererseits auch für ihn aus diesen Ideen herauszuschälen ist. Da ist nun das erste: Individualismus, Nationalismus und Universalismus sind in untrennbarer Einheit die Merkmale für die Aufgabe und Geschichte der Menschheitsgruppe, die Träger der göttlichen Lehre wurde. Am Anfang freilich steht nur der eine Mensch, den Gott geschaffen und dem er gekündet hat, was gut ist, und mit diesem einen Menschen war der Gesamtmenschheit ihre Aufgabe gestellt. Und da diesem einen die Freiheit des Willens zum Verhängnis wurde und seine Nachkommen entarteten und der Menschheitsaufgabe sich entfremdeten, da wurde noch einmal an einen Einzigen, an Noah, die Hoffnung auf eine den göttliehen Zwecken dienende Menschheit geknüpft. Auch diese Hoffnung trügte. Eine Einheit, die sich in der Empörung gegen Gott zusammenschließt, muß zertrümmert werden, die Sprachen- Verwirrung schafft die Nationen. Es liegt ein tiefer Sinn in der Erzählung, die das Erstehen der nationalen Differenzierung als ein Übel und eine Strafe erkennt. Daß diese Mannigfaltigkeit zugleich Schöpferin wertvoller Güter ist, darf nicht den Blick vor der Tatsache verschließen, daß die babylonische Sprachenverwirrung, durch welche die Menschheit seitdem geschieden ist, zugleich die Urheberin unsäglichen Elends ist. Die Erfahrungen des Weltkrieges bieten uns doch wahrlich dafür einen klassischen Beleg. Es gilt hier das Gleiche, wie von der Verurteilung des Menschen zur Arbeit im Schweiße seines Angesichts infolge des Sündenfalls. Mühe und Arbeit ist das Köstlichste im Menschenleben, der Fluch wandelte sich für die Menschen oft zum Segen. Aber die Dornen und Disteln sind die trübe Begleiterscheinung, die Arbeit des ״Dienens und Bewahrens“ hätte nicht minder zu einer Aufwärtsentwickelung und vielleicht zu einer vollkommeneren führen können.