Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 89)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in Rußland und Polen. 89 nach und nach immer noch mehr eingeengt, indem eine Anzahl von Städten, die durch militärische oder geschichtliche Bedeutung ausgezeichnet waren, ebenso wie ein langer Landstreifen, der sich über fünfzig Werst längs der Westgrenze Bußlands von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer hin erstreckte, diesem entzogen wurden. Späterhin ging die Regierung, nicht zufrieden mit dieser Politik einer nur negativen Bedrückung, dazu über, das unerträgliche Leben der städtischen Juden durch alle Arten positiver Schikanierungen noch unerträglicher zu gestalten. Es schien, als wenn die griechisch-orthodoxe Zarenherrschaft den mittelalterlichen Grundsatz verfechten wollte, daß die Juden eine Existenzberechtigung nur zu dem Zwecke hätten, um die Christen an die Leiden ihres Heilands zu erinnern. Was die jüdische Landbevölkerung anbetrifft;, so war die einflußreichste Persönlichkeit der jüdische „Arendar“, der Pächter oder Verwalter, der, wie im vorhergehenden Kapitel ausgeführt wurde, zu gleicher Zeit der Inhaber der Schenke und der Verkäufer von Branntwein war. Damit wir uns nicht eine übertriebene Meinung über den Wohlstand dieses jüdischen „Ausbeuters“ bilden, möchte ich gleich feststellen, daß er in den meisten Fällen arm, zum Erbarmen arm war, tatsächlich genau so arm wie der Bauer oder chlop, — wenn auch nie so elend: denn er suchte zum Unterschiede von dem unglücklichen Leibeigenen seinen Trost in der Religion, anstatt zu diesem Zwecke in die Branntweinflasche zu blicken. Der englische Reisende William Coxe, den wir schon bei einer früheren Gelegenheit zitiert haben, gibt von den Genüssen, deren sich der jüdische „Arendar“ erfreute und die er bieten konnte, folgende Beschreibung: Unter diesen zusammen gewürfelten Hütten waren die einzigen für die Aufnahme von Reisenden eingerichteten Plätze die den Juden gehörenden Häuschen, die der Möbel und jeder Art von Bequemlichkeit gänzlich entbehrten. Selten konnten wir ein anderes Zimmer erhalten als das, in dem die Familie lebte; unter den Lebensmitteln waren Eier und Milch unser