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Jeschurun · 1918-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1918) · p. Seite 61

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 61 (sequence 61)
Language
German
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Ein Blick in das Wirtschaftsleben der Juden im Mittelalter. 61 ligionen. Für das Altertum braucht nur an die großen Agrarreformen in Griechenland und Rom erinnert zu werden. Mittelpunkt des Geldleiheverkehrs waren im Altertum die Tempel, in denen sich große Barvorräte anhäuften. Von denen Babyloniens wissen wir, daß sie Geschäftshäusern glichen: der Marduktempel in Babylon, der Sonnentempel in Nippur. Die als Zehnten zuströmenden Massen von Naturalien mußten, soweit sie nicht zu Opferzwecken, zur Speisung und Besoldung einer vielhundertköpfigen Priester- und Dienerschaft Verwendung fanden, nutzbringend angelegt werden, mittels Ankaufs von Häusern und Grundstücken, die dann vermietet bezw. verpachtet wurden, mittels Verkaufs von Getreide und Datteln, aber vor allem durch Gelddarlehen, so daß die Tempel schließlich Bankhäuser wurden. Dasselbe wird uns von dem Tempel zu Delphi berichtet, von Delos, Ephesos, Samos. Ebenso bekannt ist es, daß im Mittelalter die christlichen Kirchen, Klöster, Stifte, Ordenshäuser Mittelpunkte eines lebhaften Geldleihe Verkehrs waren. Und wenn heute der Marschenbauer ein paar hundert oder tausend Taler erübrigt hat, so weiß er nichts Besseres damit anzufangen, als sie gegen Wucherzinsen seinem bedürftigen Nachbarn auf der Geest als Darlehen zu geben. Zinsen von ausgeliehenem Gelde zu beziehen, ist ein zu reizvolles und zu leichtes Mittel, sein Einkommen zu vergrößern, als daß es nicht von jedermann, der dazu imstande ist, gern angewandt werden sollte. Man braucht dazu wahrhaftig kein Jude zu sein. Also jeder, der's kann, wuchert mit Freuden. Ein katholischer Schriftsteller faßt die übliche Auffassung zusammen in dem Satze: durchs ganze Mittelalter begleitet die Juden das Bestreben, leicht und mühelos zu erwerben. Dieses Bestreben teilt aber, wie wir einwandsfrei feststellen können, der Jude des Mittelalters mit allen anderen Klassen der Bevölkerung. Dieses Bestreben ist, solange es sich gesetzlich erlaubter Mittel und Wege bedient, vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus nur zu billigen. Die Wirtschaftspolitik eines jeden

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