Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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6o Ein Blick in das Wirtschaftsleben der Juden im Mittelalter. Wir kommen nun zur Behandlung desjenigen Teiles der jüdischen Wirtschaftsbetätigung im Mittelalter, welcher von eher am meisten zum Zielpunkt gegnerischer Angriffe gemacht worden ist, welche dahin führten, daß im Laufe der Zeit die Namen Jude und Wucherer identisch wurden, zu dem, was wir aber objektiver nicht den Wucher, sondern die Geldgeschäfte der Juden im Mittelalter nennen wollen. Das Vorurteil ist einerseits dadurch entstanden, daß man der Meinung war, daß derartige Geschäfte nur von Juden betrieben worden seien, und daß man andererseits diese Geldgeschäfte als unproduktiv und ausbeuterisch betrachtete und die völlig andersgearteten mittelalterlichen Verhältnisse aus der Perspektive moderner Wirts chaitsauffassung beurteilte. Daß das Wuchergeschäft an sich keine jüdische Erfindung und keine Dokumentierung spezifisch jüdischer Eigenschaften ist, darüber hat Sombart in seinem vielgeschmähten Buche „die Juden und das Wirtschaftsleben44 sich in so treffender Weise geäußert, daß sich wohl kaum eine schlagendere Verteidigung des jüdischen Standpunktes Vorbringen läßt. Überall, wo in einem Volke Leute mit großem Vermögen neben solchen Leuten leben, die aus irgendwelchen Gründen Geld nötig haben, sind die beiden Gruppen der Bevölkerung stets in das Verhältnis von Gläubigern und Schuldnern zueinander getreten. Ja, wo auch überhaupt nur Reiche neben Armen gewohnt haben, selbst wenn es noch nicht einmal Geld in dem Lande gab, haben diese dann in natura geborgt. In den Anfängen der Kultur wohl, ohne Zins zu zahlen, wo sich die beiden Gruppen noch als Genossen derselben Gemeinschaft fühlten. Später — und zwar erst im Verkehr mit Fremden — wird das zinstragende Darlehen in gewöhnlichen Gebrauchs - gütern, (wie Getreide, Vieh, Ol) oder in Geld zu einer ständigen Einrichtung jeder nur irgendwie besitzdifferenzierten V olkswirtschaffc. Altertum, Mittelalter und Neuzeit sind gleichmäßig angefüllt mit Leihe und Wucher. Und beteiligt sind Angehörige der verschiedensten Volksstämme und der verschiedensten Re-