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Jeschurun · 1918-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1918) · p. Seite 53

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 53 (sequence 53)
Language
German
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Ein Blick in das Wirtschaftsleben der Juden im Mittelalter. 53 betrübt, wie Menschen es einmal sind. G-üdemann in seinem „Erziehungswesen" und Berliner in seinem „Aus dem inneren Leben der deutschen Juden im Mittelalter" haben uns gezeigt, daß es auch in jenen Zeiten bei unseren Vorfahren ganz menschlich zuging, daß sie sich schließlich mit ihrer äußeren Notlage, mit dem Drucke, welcher auf ihnen lastete, abfanden und abfinden mußten. Die geistigen und steinernen Ghettomauern, welche sie von der Außenwelt abschlossen, waren schließlich nicht so dicht, daß sich nicht doch Beziehungen kultureller Art zwischen ihnen und der christlichen Umwelt bildeten. Die geistigen und sittlichen Werte, welche hier und dort geschaffen wurden, wirkten aufeinander ein. Es fehlte auch so nicht an jedem Verkehr. Vor allem aber führten die Bedürfnisse des Wirtschaftslebens die Menschen zusammen, welche der Glaube trennte. Den Bat, welchen König David einst den Ältesten Israels gab, als sie ihm mit der Frage nahten: „Dein Volk Israel bedarf der Ernährung, des Unterhalts": „Gehet und ernähret Euch einer vom anderen", konnten die Juden des Mittelalters und vor allem auch die deutschen nicht befolgen. Sie konnten keinen eigenen, unabhängigen Wirtschaftskörper für sich bilden. Dazu war ihre Zahl zu klein. Ferner waren auch die verschiedenen Berufsarten, wenn sie auch alle bei ihnen vorhanden waren, doch nicht in dem Verhältnisse zu einander vertreten, daß sie irgendwo einen eigenenWirtschaftskörper hätten bilden können. Man hat den Aufbau der verschiedenen Berufsstände und ihr Verhältnis zu einander in der Form einer Pyramide dargestellt. Die breite Grundlage eines gesunden Wirtschaftssystems muß ein kraftvoller und tüchtiger Bauernstand bilden. Aus ihm entwickelt sich allmählich durch Spezialisierung der Stand der Handwerker. Der obere und schmalere Teil der Pyramide wird dann vom Handel und Geldgeschäft ausgefüllt. Die Geschicklichkeit des Kaufmannes und Geldhändlers entwickeln die meisten Völker auch nicht aus sich selbst heraus. Dafür haben sie meistens fremde Lehrmeister nötig, welche sie dann später, nachdem sie dieselben nicht mehr nötig haben, mit mehr oder weniger Undank von sich abschütteln.

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