Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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52 Ein Blick in das Wirtschaftsleben der Jnden im Mittelalter. Ein B!kk in das Wirtschaftsleben der [Juden im Mittelalter. Von Landrabbiner Dr. M. Hoffmann, Emden. Wenn wir in späteren Jahren, nachdem wir schon lange die Schulbank verlassen haben, einmal gelegentlich eine Musterung halten über unsere Kenntnisse von der Geschichte der Völker, so wird wohl das erste, was wir feststellen können, die Tatsache sein, daß wir reichlich viel vergessen haben, wenn wir nicht gerade zu jener Kategorie von Menschen gehören, die nichts gelernt und daher nichts vergessen haben. Dann aber werden wir finden, daß wohl die Einzelheiten der Geschehnisse unserer Erinnerung entschwunden sein mögen, daß aber gewisse Allgemeinbegriffe, die sich zu festen Schlagworten verdichtet haben, uns geblieben sind, daß wir sozusagen in unserem Gedächtnisse gewisse Schemata parat haben, in welche wir ganze Zeitepochen hineinpressen, über die wir uns so im Laufe der Zeit ein fertiges und unerschütterliches Urteil gebildet haben, das leider in vielen Fällen ein Vorurteil ist. Da giebt es Lieblingskinder und Stiefkinder unserer historischen Schätzung. Zu den letzteren gehört nun das Mittelalter sowohl in der allgemeinen, ganz besonders aber in der jüdischen Geschichte. Das finstere Mittelalter, die Zeit der blutigen und grausamen Verfolgungen, die Epoche der Intoleranz und der einseitigen, beschränkten Gläubigkeit, die Ghettomauern, hinter denen Israel nicht leben und nicht sterben konnte, wo ihm Licht und Luft versperrt war, wo sein Geistesleben im unfruchtbarem Talmudismus verkümmerte, und wie die Kedeblüten sonst noch heißen mögen, das sind die Ausdrucksformen, in welchen sich das gewöhnliche Laienurteil über diese Zeitepoche wiederspiegelt. Man dankt seinem Schöpfer, daß wir das glücklich überwunden haben, daß wir nicht mehr in so schweren Zeiten und unter so schwierigen Verhältnissen leben müssen. Und doch haben auch die Menschen jener Tage gelebt und geliebt. Sie waren heiter und fröhlich und traurig und