Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1917)
- Date
- 1917-12-01
- Page
- Seite 681 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der alten Zeit. 681 gar keine Meinungsverschiedenheit, und alles in schönster Harmonie!“ Aber in demselben Augenblick gewann auch seine Frau, die die ganze Zeit wie ein Steinbild dagesessen hatte, das Leben wieder, auch sie sprang von ihrem Platze auf rief jedem einzelnen von den Hausleuten, die dabei waren, voll Feuereifer zu: „Und was sagst du zu zu diesem „Schlemihl“? Wie fein versteht er es doch, die Gemore zu glätten und zu kräuseln, bis sie klein beigibt und sich ihm fügt — wahrhaftig, wie ein Vogel, der in die Lüfte sich schwingt! . . Mit den letzten Worten spielte sie auf seinen hohen Geistesflug und seinen Idealismus an, und den Ausdruck „Schlemihl“ führte sie stets mit einem halb wohlwollenden, halb schelmischen Lächeln in ihrem Mund, und streichelte und liebkoste dabei ihren Mann mit den Augen. Aber auch er blieb ihr die Antwort nicht schuldig und sagte: Meine „Esches Chajil“! bring’ nur schnell dem Jungen etwas zum Naschen, er verdient es.“ Rasch mit Windeseile flog Rechele ins Nebenzimmer und kam einen Augenblick später zurück, in der einen Hand eine Schüssel mit Aepfeln und Nüssen und in der andern einen mit eingemachten Früchten gefüllten Fladen. Bevor sie aber mir mein Teil gab, nahm sie einen Löffel voll von dem Fladen, steckte ihn ihrem Mann in den Mund und sprach: „Stärke dich ein bischen, Schlemihl, denn, wenn man dir nicht wie einem kleinen Kind das Essen in den Mund steckt, vergißt du es ganz und denkst nicht daran, daß der Mensch nicht vom Geiste allein leben kann! . . Doch nur an zwei Tagen in der Woche konnte Sich Rechele so ganz nach Herzenslust in solchen Liebkosungen und Scherzen ergehen, denn kaum hatte ihr Mann Hawdoloh gemacht und ihr die Bsomim-Büchse zum Riechen gegeben, war sie wie ausgetauscht, und diese gütige und schlichte Frau, die ihren Mann und ihre Sprößlinge liebte, verwandelte sich in ein völlig anderes Wesen, in einen kühl denkenden Kaufmann, der, Gefühlsduseleien abhold, alles mit Ueberlegung abwägt. Sie rief dann ihre Tochter Perele herein — ein