Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1917-12-01 · Heft 12 (Dezember 1917) · p. Seite 680

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1917)
Issue
Heft 12 (Dezember 1917)
Date
1917-12-01
Page
Seite 680 (sequence 56)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2292929-2292969-2292979--02550-2295820
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

68o Aus der alten Zeit. flink wie ein Reh, voll Temperament und Bewegung war, deren Hände und Füße keine Ruhe kannten. Arbeit war ihr Lebenselement, niemals hatte sie jemand auch nur einen Augenblick müßig gesehen; da hatte sie zu backen, hier hätte sie die Kinder zu baden, dort mußte sie das Geschirr und die Möbel rein halten. Und was auch immer sie anrührte, alles spiegelte ihres Geistes Hauch wieder, den Geist des Lebens, der Anmut und des guten Geschmackes. Auch ihr Mann, R. Jekele, steigt jetzt in der Erinnerung vor meinem Geiste auf. Auch er war von kleinem Wuchs, beleibt und blühend, mit blauen Augen, die Wohlwollen und Charakterstärke widerspiegelten. Ein freundliches Lächeln schwebte stets auf seinen Lippen, und seine Hand kräuselte in einem fort seinen schon etwas graumelierten Bart. Immer war er fröhlich und vergnügt, hatte immer ein Thorawörtchen, eine geistreiche Bemerkung oder einen guten Witz auf den Lippen . . . Jeden Sabbath kam ich in ihr Haus, denn dann mußte ich mich von R. Jekele „verhören lassen“, was ich in der Woche im Cheider gelernt hatte. Während ich zur Prüfung vor ihm stand, saß Rechele am anderen Ende des Tisches, ihrem Manne gegenüber, wie angenagelt auf ihrem Platze; ihre Augen blickten mit unendlicher Liebe auf ihren Mann, der da saß und unaufhörlich seinen Baru glättete und kräuselte, während er auf meinen Vortrag lauschte. Seine Hand ließ den Bart nicht los, bis es zum „Pilpul“ kam, und er eine schwere Halacna erklären oder zwei widerspruchsvolle ausgleichen wollte. Dann glich er dem vom Sturm gepeitschten Meer, seine Augen blitzten, alle seine Glieder waren in Bewegung, seine Stimme schwoll immer mehr und mehr an, und seine rechte Hand durchteilte mit Macht die Luft, denn mit ihr wollte er genau den ganz feinen Unterschied andeuten, der zwischen der Ansicht des Rambam und der der anderen Poskim war. Und je mehr er sich dem Schluß näherte, in umso stärkere Bewegung gerieten seine Glieder, bis er zuletzt mit einem Satze in die Höhe sprang und triumphierend ausrief: „Also ist gar kein Unterschied zwischen ihnen und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.