Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1917)
- Date
- 1917-12-01
- Page
- Seite 645 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in Rußland und Polen, 645 So stehen wir bei Beginn unseres Zeitabschnitts der Tatsache gegenüber, daß Rußland, ohne bisher Juden zu haben, es dahin gebracht hatte, eine Judenfrage zu haben. Es hatte sich bereits durch eine barbarische Politik gebunden, die die Tore ihres weit ausgedehnten und unentwickelten Gebietes der Tatkraft und dem Unternehmungsgeist der Juden verschloß? und Elend und Unheil auf das jüdische Volk häufte, das nun durch das Schicksal in immer größeren Massen unter ihr ungastliches Dach getrieben wurde. Gegensatz zwischen der polnischen und der russischen Herrschaft. Wenn wir die Geschichte der Juden unter der russischen Herrschaft mit der unter der Herrschaft Polens vergleichen, stoßen wir auf den durch und durch gegensätzlichen Unterschied der Faktoren, die sie beherrschten. Oberflächlich betrachtet scheint der bestimmende Einfluß in beiden Fällen ein und derselbe zu sein: Die Politik der Herrscher. Aber während die Könige Polens die Urheber der jüdischen Rechte waren, waren die Zaren Rußlands die Begründer der jüdischen Rechtlosigkeit. In Polen kommt die Gegnerschaft gegen die Juden von unten herauf. Sie entsteht unter dem Volke und verfolgt ihren Weg aufwärts bis zum Throne. In Rußland nimmt die Gegnerschaft gegen die Juden ihren Ursprung auf dem Throne und sickert nach und nach nach unten in die Massen des Volkes. Die ganze äußere Entwickelung der russischen Judenheit ist eine ununterbrochene Variation über dieses düstere Leitmotiv, — den Haß der russischen Autokratie gegen Juden und Judentum. Die Melodie kann bis zu einem Pianissimo heruntergehen, das zur Bekehrung und Verschmelzung lockt; oder sie kann zu einem donnernden Fortissimo anschwellen, das mit Verfolgungen und Metzeleien droht, aber das Thema bleibt immer dasselbe: kromje dzidow („Juden ausgenommen“), kein Friede für die Juden, solange sie entschlossen sind, Juden zu bleiben.