Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1917)
- Date
- 1917-12-01
- Page
- Seite 631 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdischer Nationalismus und gesetzestreues Judentum. 631 als vollwertig. Die ganze Ostjudenfrage wird mehr als eine Hilfe für andere betrachtet, dehn als ein Arbeiten am eigenen Körper. Wohl fastet man an den Tagen des jüdischen Nationalunglückes, liest auch am 9. Ab die Klagelieder und beobachtet genau die Trauervorschriften, doch nur zu oft wird dies alles zu einer Form, um der religiösen Vorschrift zu genügen. Das Gefühl des furchtbaren Unglücks, das an diesen Tagen über das jüdische Volk und sein Heiligtum gekommen ist und das bis auf den heutigen Tag noch ganz Israel durchzittert, ist in dem Einzelnen zumeist nicht mehr lebendig. Welch heißer Schmerz spricht aus den Worten des Gebetes: „Und wegen unserer Sünden wurden wir aus unserem Lande verbannt und müssen unserem Boden fern bleiben und können nicht hinaufziehen und vor Dir erscheinen und uns vor Dir niederwerfen und unsere Pflichten erfüllen in dem von Dir erwählten Hause.“ Und wie gleichmütig werden diese Worte so oft gesprochen! Man bleibt kalt, man hat sich so gut in das Golus hineingefunden, daß der Einzelne es nur dann so recht empfindet, wenn ihn persönlich der Judenhaß zur Zielscheibe nimmt. Das Gemeinbewußtsein ist verblaßt. Wohl sind wir Juden kein Volk im politischen Sinne und gleichen nicht den Gemeinschaften anderer Völker, aber wir sind ein Volk, das einzigartige Volk, das heilige Volk. Wer von einer jüdischen Mutter geboren, ist ein Sohn dieses Volkes mit allen Rechten und nie zu lösenden Pflichten. Und ganz Israel bürgt füreinander, und der Schmerz eines jeden Sohnes des Gottesvolkes ist mein eigener Schmerz, seine Sünde ist Volkssünde. Was ich für ihn tue, tue ich für das ganze Volk, tue ich für mich selbst. Das Unglück eines jeden Gliedes des Volkes ist eine Wunde am Volkskörper. Nicht die fernen Brüder leiden, ich selbst leide mit ihnen. Das Verblassen des Gemeinbewußtseins in vielen Kreisen des westlichen gesetzestreuen Judentums führt zu einer Reaktion. .Was man in der religiösen Weltanschauung vermißt* sucht man im Nationalismus. Hierbei bedenkt man nicht,