Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1917)
- Date
- 1917-12-01
- Page
- Seite 630 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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630 Jüdischer Nationalismus und gesetzestreues Judentum. Gott auserwählt hat von allen Völkern, dem er die Thora gegeben und das er heiligt durch seine Gebote, wer dies anerkennt, der kann logischerweise einen nichtthoratreuen Juden unmöglich als Volljuden befrachten und noch viel weniger sich an einer Bewegung beteiligen, die prinzipiell die Heilighaltung des Thoragesetzes als irrelevant für die Existenz Israels erklärt. Daß es aber tatsächlich eine Anzahl unbedingt thoratreuer Juden gibt, die zum Nationalismus neigen, hat eine tiefe psychologische Begründung. Und hiermit kommen wir auf einen Mangel, der sich vielfach in Kreisen der gesetzestreuen Juden der westlichen Kulturländer bemerkbar macht. Wie schon gesagt, hat es das gesetzestreue Judentum dieser Länder verstanden, sich völlig dem dortigen Kulturleben anzupassen. Das religiöse Leben ist, abgesehen von der Synagoge, größtenteils individuell geworden. Die jüdische Gemeinde mit ihren Institutionen hat fast nur die Aufgabe, dem Einzelnen und seiner Familie die Möglichkeit zu bieten, seine religiösen Pflichten zu erfüllen. Das Gefühl der Gemeinbürgschaft ist zumeist defensiv geworden, soweit es sich um die Abwehr äußerer Angriffe handelt, oder philantropisch, soweit eine Hilfstätigkeit für andrere in Betracht kommt. Aus dem heiligen Volk wird oftmals nur die heilige Gemeinde, und was außerhalb deren engerem Wirkungskreise liegt, wird nicht als eine natürliche Betätigung betrachtet, sondern als ein besonderes Wohltun. Die tiefinnerliche Ueberzeugung, daß alle Juden, unabhängig davon, in welchem Kulturkreise sie leben, in gleicher Weise zu Trägern des Gottesgesetzes auserwählt sind, und daß die gemeinsame Lebensaufgabe sie zu gleichgestellten Gliedern des Gottesvolkes macht, diese Ueberzeugung ist oft sehr abgeschwächt. Der arme galizianische Jude wird wohl unterstützt, gilt aber doch nur als „Ausländer“, der sich immer bewußt bleiben muß, daß man ihm Gutes tut. Der hervorragende ostjüdische Thoragelehrte, der die deutsche Sprache nicht beherrscht und dem auch vielfach Begriffe des westlichen Kulturlebens fehlen, gilt den meisten Westjuden nicht