Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1917)
- Date
- 1917-12-01
- Page
- Seite 629 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdischer Nationalismus und gesetzestreues Judentum. 629 Religiösen durchaus untergeordnet, macht es dem gesetzestreuen Judentum verhältnismäßig leicht, sich allen politischen Lagen anzupassen, sofern nur die religiöse Betätigung nicht behindert ist. So war es zur Zeit des Rabbi Jochanan ben Sakkai bis zum heutigen Tage. Zählen sich doch z. B. gesetzestreue Juden zu allen politischen Parteien Deutschlands, soweit diese nicht ausgesprochen antisemitisch sind. Und arbeiten doch auch in allen Ländern Juden — gesetzestreue wie nicht gesetzestreue — an den kulturellen Bestrebungen ihres Heimatslandes mit. Das Wohl des Staates zu fördern, dem er angehört, ist dem gesetzestreuen Juden religiöse Pflicht. So wird es verständlich, daß der gesetzestreue Jude sich seinem Heimatlande nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch geistig anpaßt. In seiner religiösen Betätigung fehlt ihm prinzipiell ja nur die Erfüllung der Gesetze, dä(e mit Wiederherstellung des Tempels und dem Wohnen im heiligen Lande verbunden sind. Der Wiederaufbau des in heißen Gebeten immer wieder erflehten dritten Tempels ist aber, das ist seine Ueberzeugung, nicht von Menschenhand, sondern ausschließlich von einem Wunder, einem Eingreifen Gottes zu erhoffen. Und so wertvoll die Besiedelung des heiligen Landes ist, so wird der völlige Besitz und die Rückkehr und Sammlung des ganzen Volkes auch wieder nur das Ergebnis der wunderbaren Fügung Gottes sein. Bezeichnend ist, daß heute in Palästina ebenso wie in der Diaspora die Gemeinde um Rückkehr in das heilige Land bittet, weil eben die jetzige, nur teilweise Ansiedelung nicht als Rückkehr des Volkes betrachtet werden kann. Wie oben bereits erwähnt, lehnt das gesetzestreue Judentum die jüdisch-nationalistische Bewegung ab. Sie muß es tun, da der Nationalismus die Grundlage des jüdischen Volkes, das Gottesgesetz, als unbedingt herrschendes Prinzip ablehnt. Es kommt hierbei nicht in Betracht, daß einzelne Vertreter des Nationalismus in ihrem Leben und Fühlen dem Thoragesetze treu sind. Es liegt bei diesen eben eine Inkonsequenz vor. Wer anerkennt, daß wir das Volk sind, das