Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 11 (November 1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- – (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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604 Die Juden in!Rußland und Polen. tausena Wunden, und es erscheint wie ein Wunder, daß sie sich nicht zu Tode verblutete. Für uns Zeitgenossen muß es von besonderem Interesse sein zu erfahren, wie weit die Leiden der Juden in Polen die Juden außerhalb Polens berührten. Das Zusammengehörigkeitsgefühl war wahrhaft bewundernswert. Eine Lawine polnischer durch die Furcht vor dem Tode und der Taufe vertriebener Juden stürzte aut alle Länder der zivilisierten Welt, nicht nur auf Deutschland, Oesterreich, Mähren, Böhmen, Italien una Holland, sondern auch aut die Türkei, Aegypten und Nordafrika. Ueberall wurde den Flüchtlingen materielle Hilfe angeboten, und, was noch mehr ist, brüderliches Mitgefiihi entgegengebracht. Tausende über tausende jüdischer Gefangener wurden von den Tataren nach dem Osten, besonders nach Konstantinopel und Saloniki verschleppt, wo sie von ihren jüdischen Brüdern zu hohen Preisen ausgelöst wurden. Die Stadt Texel in Holland gewährte dreitausend litauischen Juden freundliche Aufnahme. Die Juden in Venedig spendeten große Geldsummen, um ihre polnischen Brüder loszukaufen, während die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Livorno, den Beschluß faßten, sich selbst zu besteuern, um 25 Prozent ihres Einkommens zur Unterstützung der Unglücklichen beizutragen. Besonderes Mitgefühl zeigten die deutschen Juden, obwohl sie selbst die Aermsten der Armen waren und eben erst die Schrecken des dreißigjährigen Krieges überstanden hatten. Das Interesse der europäischen Juden für das polnische Unterstützungswerk war ein so großes, daß die Armen Palästinas vernachlässigt wurden und Not litten, und erst besondere Sendboten ausschicken mußten, um die europäischen Juden an ihre Notläge zu erinnern. Doch die Juden außerhalb Polens blieben für ihre Bruderliebe nicht unbelohnt. Mit dem Strome jüdischer Flüchtlinge kam eine Welle geistiger Kraft, die den Boden der Juden der Diaspora tränkte und befruchtete. Viele hervorragende Gelehrte nahmen bald!leitende rabbinische Stellungen