Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 11 (November 1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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580 Di© Arbeiterfrage in der biblisch-talmudischen Gesetzgebung. tagen fleißig gearbeitet wurde, daß vielleicht auch das Bibelwort in diesem Sinne als religiöse Pflicht verstanden wurde, daß man es deutete: ״Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk verrichten.״ Auch das Paradies, der ideale Aufenthaltsort des ersten Menschen, war, wie ihn uns die Bibel schildert, keine Stätte des Nichtstuns und des Müßigganges, sondern Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, daß er ihn bearbeite und behüte. Und der Fluch, welcher ihn bei seiner Vertreibung aus dem Paradiese trifft, bestand nicht darin, daß ihm nun die Arbeit auferlegt wurde, sondern daß die Erde ihm oft Dornen und Disteln wachsen ließ, daß die Arbeit nicht immer im vollem Maße produktiv war, daß er nicht immer den vollen Lohn seiner Arbeit erhielt. Und dieser Fluch ist bis auf den heutigen Tag an den Menschen haften geblieben. Denn noch heute gibt es Millionen und Abermillionen von Menschen, welche im Schweiße ihres Angesichtes arbeiten müssen, und doch nicht den vollen Ertrag ihrer Arbeit genießen können. Und diejenigen sozialen ]Reformer und Utopisten,welche den Menschen dasPar adies auf Erden wiederherstellen wollen, können, wenn anders sie die biblische Erzählung recht verstehen, nicht daran denken, nunmehr eine Zeit herbeizuführen,, wo der Mensch sich überhaupt nicht mehr zu mühen und zu arbeiten braucht. Arbeit und Mühe wird es stets geben. Aber der Lohn wird der Arbeit wert sein. Diese hohe Wert• Schätzung der Arbeit zeigt sich uns im ganzen Verlaufe der biblischen Geschichte. Die Frömmigkeit der Patriarchen mutet -uns deshalb wohltuend an, weil sie nicht Beschaulichkeit ist sondern Tätigkeit. Sie sind Hirten und weiden selbst die Herde. Und die großen Männer Isr^v?, ein Moses, ein David, ein Elisa, ein Amos, sie sind Arbeiter, bevor sie Gesetzgeber, Propheten, Könige werden. Und diese heilige Erbschaft der Arbeit hat das talmudische Judentum sowohl in seinen Personlichkeiten als in seinen Anschauungen und gesetzgeberischen Maßregeln vom biblischen übernommen. Die berühmtesten Talmudisten waren Handwerker. Hillel war ein Holzhauer, Babbi Jochanan ein Schuhmacher, Babbi Isak