Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 11 (November 1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292969-2292978--02447-2295716- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Arbeiterfrage in der biblisch-talmudischen Gesetzgebung, j jg der Gerechtigkeit und Sittlichkeit, welche für das gesellschaftliehe Leben in Kraft sind, auch für das wirtschaftliche Leben ihre Geltung haben müssen, daß es keine besondere sogenannte Geschäftsmoral geben darf. Dies ist der Standpunkt, von dem aus die Kenntnis der biblisch-talmudischen Gesetzgebung auch für die Lösung der modernen Arbeiterfrage von Bedeutung sein kann. Es kann sich nicht darum handeln, die alten Wirtschaftsformen und Einrichtungen auf unsere Zeit zu übertragen. Aber die sittlich-religiösen Gedanken, welche jene alten Zustände beherrschten,;sie sind auch heute noch von Wert. Und erst wenn wir sie auch in unseren modernen Verhältnissen wieder zum Leben erwecken, wird es uns gelingen, die Streitenden zu versöhnen und den von allen Seiten so innig herbeigesehnten inneren Frieden wiederherzustellen. Von solchen Gedanken ausgehend wollen wir die folgenden Fragen behandeln. Welches ist die Bedeutung der Arbeit? Welches sind die arbeitenden Klassen und welches ist ihr Recht und Gesetz nach der biblisch-talmudischen Anschauung? Während die alten Griechen und Römer sich nicht zu richtigen Anschauungen über den Wert der Arbeit aufzuschwingen vermochten, während ihre Weltweisen die Arbeiter. Handwerker und Krämer verächtlich elende Banausen nannten, während die alten Germanen selbst träge auf der Bärenhaut lagen und mit unendlichen Zechgelagen die Zeit töteten, die Arbeit aber den Frauen und Sklaven überließen, sehen wir in der biblisch-talmudischen Überlieferung einen ganz anderen der Arbeit günstigen und sie fördernden Geist walten. Bezeichnend ist es schon, daß im Hebräischen das Wort für Arbeiten und Gott dienen das gleiche ist. Dürfen wir daraus nicht schließen, daß schon dem alten Hebräer die Arbeit etwas Heiliges, ein Gottesdienst war. sowie ihm der Gottesdienst nicht ein müßiges sich Hingeben an weihevolle Gefühle und Stimmungen, sondern ein tätiges Arbeiten an sich selbst war? Spricht nicht ferner die in Israel zuerst regelmäßig durchgeführte und allgemein als notwendig empfundene Einrichtung eines festen wöchentliehen Ruhetages dafür, daß hier auch an den sechs Wochen- 39*