Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 11 (November 1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292969-2292978--02446-2295715- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
578 Die Arbeiterfrage in der bibliscb-talmudiscben Gesetzgebung. auftritt. Die soziale Frage an sich ist ein uraltes Problem. Wenn je in einem Zeitalter die Gegensätze von Arm und Reich zu scharf hervortraten, so machte sich stets eine Bewegung geltend, welche einen Ausgleich schaffen und die Lage der gedrückten Gesellschaftsklassen verbessern wollte. Diese gedrückten Klassen brauchten nun aber nicht Arbeiter im modernen Sinne des Wortes zu sein. Es waren Sklaven, Leibeigene, Bauern, Handwerker, welche sich gegen die sie ausbeutenden herrschenden Klassen erhoben. Unserer Zeit eigentümlich ist die Bildung eines großen Lohnarbeiterstandes, welcher Zeit seines Lebens dazu verurteilt ist, in wirtschaftlicher Abhängigkeit zu leben. Denn die moderne Technik hat es dahin gebracht, daß zum selbständigen Betriebe wirtschaftlicher Unternehmungen große Kapitalien nötig sind, welche sich zu erwerben dem Durchschnittsarbeiter unmöglich ist. Der Arbeiter und Handwerksgeselle in früheren Jahrhunderten ertrug die mannigfachen Härten und Beschwerlichkeiten seines Standes mit größerer Geduld, da er stets die Hoffnung hatte, sich selbständig zu machen und die. Vorteile des Meisters und Unternehmers selbst zu genießen. Der Arbeiter unserer Zeit, dem diese Hoffnung versagt ist, hat nun das Bestreben, da er nun doch einmu: Arbeiter bleiben muß, seine Lage als solche möglichst zu verbessern, möglichst hohen Lohn, möglichste Sicherung gegen die Gefahren des Betriebs, der Arbeitslosigkeit und des Alters sich zu erringen. Der Unternehmer andererseits, welcher aus seinem Betriebe möglichst hohen Gewinn für sich herausschlagen will, wird diesen Forderungen der Arbeiter nur Schritt für Schritt, meist gezwungen und unter Kämpfen nachgeben. Diese fortwährnden Kämpfe und Streitigkeiten sind aber von großem Nachteile für das Wohl deT• Gesamtheit. Und deshalb sucht der Staat , die Reibungsfläche zwischen den kämpfenden Gegnern zu vermindern und durch immer neue Gesetze und Einrichtungen einen gerechten Ausgleich zwischen den streitenden Parteien zu schaffen. Und diese Aufgabe wird ihm dann gelingen, wenn erst die Erkenntnis Gemeingut der Menschheit geworden sein wird, daß die Gesetze