Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 11 (November 1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292969-2292978--02442-2295711- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
574 Über nationale Erziehung. eigentlichen Sinne gelten können, gar nicht bedürfe. Gewiß sind im Judentum Religion und Nationalität unlösbar miteinander verbunden. Unsere Feste sind zugleich nationale Gedenktage, bei den Geboten treten uns auf Schritt und Tritt historische Anknüpfungen entgegen, unsere Gebote wecken immer und immer wieder die Erinnerung an die Vergangenheit, die Hoffnung auf die Zukunft. Aber es wird dies alles viel zu wenig betont, es tritt im Gegenteil auch in unseren Kreisen vielfach das Bestreben hervor den nationalen Inhalt der Religion als etwas Nebensächliches zu behandeln und ihr einen rein konfessionellen Charakter zu geben. Die Häuser aber, in denen ausgebreitetes jüdisches Wissen zu finden ist, wo eine verstandnisvolle jüdische Erziehung angestrebt wird, die von selbst Liebe zum jüdischen Volke und eine auch durch die schwersten V ersuehungen nicht zu erschütternde Treue zur Thora erzeugt, sie sind leider zu zählen. Deshalb müßte die jüdische Schule und bis zu einem gewissen Grade auch die Religionsschule bestrebt sein, diese nationalen Momente^zu pflegen und dadurch eine größere Begeisterung für das Judentum in den jugendliehen Gemütern zu wecken. Denn daß gerade das nationale Moment in hohem Maße geeignet ist, solche Bestrebungen zu fördern, lehrt die Erfahrung. Bei uns hat die praktische Verwirklichung dieser Aufgaben sicherlich ihre großen Schwierigkeiten. Ganz anders aber liegen die Dinge im Osten, wo die Emanzipation jetzt erst beginnt, wo das Judentum in die geschichtliche;Periode eintritt, deren Anfang bereits hundert Jahre hinter uns liegt. Es gilt dort den gefahrvollen Prozeß der Überleitung aus dem Zustand der Rechtlosigkeit in den der Gleichberechtigung so zu gestalten, daß das Judentum dabei keinen allzu großen Schaden nimmt. Und da wird es die Aufgabe der maßgebenden Faktoren sein aus der Geschichte zu lernen, die Fehler zu vermeiden, die dem westeuropäischen Judentum so verhängnisvoll geworden sind. Im Osten bildeten die Juden bis jetzt eine in sich geschlossene Masse, sie führten tatsächlich eine besondere nationale Existens. Erst jetzt wird ein engerer geistiger Zu-