Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 11 (November 1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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568 Über nationale Erziehung. sollen, daß das Erwachen des jüdischen Nationalgefühls auch eine Neubelebung des religiösen Gefühls innerhalb der Volksgemeinschaft im Gefolge haben müßte. Statt dessen sehen wir die merkwürdige Erscheinung, daß der moderne jüdische Nationalismus sich der Religion gegenüber gleichgiltig, ja sogar feindselig verhält. Man pflegt ja auch die hebräische Sprache, aber das Hauptinteresse wendet sich dabei den modernen jüdischen Dichtern zu, die in ihren Werken weit mehr westeuropäische als jüdische Ideen zum Ausdruck bringen. Wenn man die national-jüdische Presse verfolgt, so sieht man nur das Bestreben, diese Vertreter eines jüdischen Modernismus zu verherrlichen und zu popularisieren. Und wenn von der Gründung eines jüdischen Staates die Rede ist, so wird auch immer betont, daß die Religion darin Privatsache sein müsse und im öffentlichen Leben keine Rolle spielen dürfe. So schrieb vor einigen Jahren ein zionistischer Schriftsteller auf Grund seiner materialistischen Anschauung, alle Gebote der jüdischen Religion seien nichts als ״PolizeiVorschriften“, deren Übertretung hier und drüben streng geahndet würde. Er meint, durch die Religion sei alles sittliche Handeln ein Ausfluß der Furcht geworden, die niemals die Grundlage freier Sittlichkeit werden kann. Entsprechend dieser Beurteilung der jüdischen Religion, die ungefähr der Vorstellung entspricht, die der Blinde von der Farbe hat. stellt er als Programm auf: ״Daher wird nicht nur die Verfassung des Staates, ebenso wie sie nur republikanisch zu denken ist, keine höhere Instanz als den Willen und Gerechtigkeitssinn des Volkes kennen, sondern es wird auch in den Schulen mit dem Religionsunterricht erst begonnen werden können, wenn die Jugend soweit herangewachsen ist, daß sie philosophische Systeme zu begreifen vermag.״ Solche und ähnliche Äußerungen beweisen, daß jene Männer von echt jüdischem Nationalgefühl keine Spur besitzen, daß sie lediglich die Phraseologie des modernen Nationalismus auf das Judentum übertragen. Es sind moderne Westeuropäer, die ganz und gar in der Kultur und Überkultur ihres Zeitalters wurzeln, die aber dem, was die jüdische Seele bewegt, vollkommen fremd