Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 11 (November 1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292969-2292978--02433-2295702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Über nationale Erziehung. ־565 ehe ist gewiß das sicherste Mittel zur Auflösung des nationalen, aber auch des religiösen Judentums, eine Wahrheit die angesichts des Uberhandnehmens der Mischehen allmählich auch in jenen Kreisen erkannt wurde. Für die Anschauung des strenggläubigen Judentums hatte sich natürlich mit dem Fallen der Ghettomauern in dieser Hinsicht nichts geändert. Wir beten wie früher ומי כעמך ישר^ גוי אהד בארץ, wir erwähnen an unzähligen Stellen das Volk Israel, und trotz dieser nationalen Äußerungen stehen wir an wahrem Patriotismus hinter niemandem zurück. Gegen die Anschauung des Reformjudentums zeigte sich nun aber in jenen Kreisen selbst ein Rückschlag durch das Erstarken des Antisemitismus. Man sah. daß alle Assimilationsbestrebungen nicht nützten. Man hatte in weiten Kreisen alles spezifisch jüdische aufgegeben, hatte die jüdischen Feiertage mit den christlichen vertauscht, und dennoch mußte man erkennen, daß die Feindschaft gegen die Juden und ihre Zurücksetzung mehr und mehr Zunahmen. Man begann jetzt einzusehen, daß die Reform mit ihren schwankenden Grundlagen keinen festen Halt bieten könnte, daß sie das Judentum dem Untergang entgegenführte, und man wurde mißtrauisch gegen die Tendenzen der Assimilation. So waren die Vorbedingungen dafür gegeben, daß das Aufflammen der nationalen Begeisterung bei den übrigen Völkern seine Rückwirkung auch auf das Judentum übte, daß auch hier die nationale Idee in anderer Form wieder auflebte, daß der Ruf, sich auf sein Judentum zu besinnen, auch in Kreisen, die sich dem Judentum ganz entfremdet hatten, einen mächtigen Widerhall fand. Eine Rückkehr zum ganzen Judentum konnte natürlich von Männern, die der Religion völlig indifferent oder gar feindselig gegenüberstanden, die zum größten Teil auch kein tieteres Wissen vom Judentum besaßen, nicht unmittelbar erwartet werden. Für sie galt es die nationalen Elemente im Judentum von den religiösen zu sondern und die ersteren um so schärfer zu betonen. Es war also die umgekehrte Erscheinung wie bei der Reform: dort Religion ohne Nationalität, hier Nationalität ohne Religion.