Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 11 (November 1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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564 Über nationale Erziehung. Ich bin auf diese Betrachtungen von Frantz etwas genauer eingegangen, weil mir die darin enthaltenen Ideen auch für die Beurteilung der modernen jüdisch-nationalen Bestrebungen wertvoll erscheinen. Das nationale Prinzip war auch im Judentum bis zu einem gewissen Zeitpunkt immer vorhanden. Daß es im eigenen Lande sich äußerte, ist selbstver_ stündlich; aber auch später ist sich das jüdische Volk seiner nationalen Besonderheit immer bewußt gewesen. Man hat von dem ״Volk Israel“ mit einer sozusagen ganz naiven Selbst- Verständlichkeit gesprochen. Und wenn wir z. B. die Werke eines Jehuda Halewi betrachten, wenn wir insbesondere an seinen Kusari denken und an die Bolle, die er dem jüdischen Volke darin anweist, das als לב, als das Herz der Gesamtmenschheit bezeichnet wird, so ist dieser Ideengang nur von einem scharf betonten nationalen Standpunkt aus verständlich. Und Jehuda Halewi lebte nicht im Ghetto. Daß die äußere Abschließung im Ghetto, diese Beschränkung auf die eigene Kultur, auf die eigenen Geisteswerke und das eigene Leben das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl in außerordentlichem Maße stärken mußte, ist ohne weiteres einleuchtend. Das Auf hören des jüdischen Nationalbewußtseins oder vielmehr die Leugnung der jüdischen Nationalität datiert auch erst vom Anfang des vorigen Jahrhunderts, vom Beginn der Beformbewegung. Die Tendenz, alle nationalen Elemente aus dem Judentum auszuscheiden, das Judentum zu einer bloßen Konfession umzubilden, ist eins der charakteristischen Merkmale der Beform. Man glaubte auf diese Weise am schnellsten und sichersten die Schranken zu beseitigen, die noch zwischen den Juden und den übrigen Staatsbürgern bestanden, und man hielt diese Umbildung für notwendig, um jeden Zweifel an dem Patriotismus der Juden unmöglich zu machen. Deshalb verlangten die Wortführer der Beform die Beseitigung aller Stellen aus dem Gebetbuche, welche sich auf die religiös-nationalen Erinnerungen und Hoffnungen, auf den Messias, auf die Bückkehr nach Palästina beziehen, und ihre radikalen Vertreter verteidigten und begünstigten auch die Mischehe. Die Misch-