Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- – (sequence 113)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292969-2292977--02424-2295692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Von Dreien, die gegessen haben. 557 böse Engel sind, die das Leben des Menschen verkürzen, zur Zeit, da die Seuche einherschreitet, vertilgend und mordend, mordend und vernichtend . . . Und der Raw fährt fort: ״Leben soll man durch die Gottesgebete — nicht durch sie sterben!“ ״Wenn es gilt, für Gott zu wirken,—darf man deine Thora zerstören!“ —Und bisweilen kann ־man die ganze Thora aufheben und trotzdem eine ganze "Welt erhalten Ich stehe zitternd da. — Was will der Raw? Worauf spielen seine Worte an? Was will er mit ihnen bezwecken? . . . Plötzlich hört mein Ohr, wie jemand weint; mein Herz wallt auf, mein Inneres erglüht. Warum weint er? Warum weint er? ... , Auch ich, der ich in einer Ecke des Raumes stehe, fange an, laut zu weinen . . . Noch jetzt, wenn ich einen Augenblick meine Augen schließe, sehe ich ihn, wie er dort auf der Kanzel steht, sehe, wie er den Finger ausstreckt, um die beiden Dajonim heranzuwinken, sehe, wie sie hintreten und gleichfalls die Kanzel besteigen. Alle drei stehen auf der Kanzel: der Raw, hochgewaehsen, und zur Rechten und Linken die beiden Dajonim, kleiner als er. — Was flüstert ihnen der Raw ins Ohr? Warum ist sein Antlitz flammendrot, warum wird ihr Antlitz weiß wie Kalk? .. . Plötzlich hören meine Ohren Laute, Worte, die ich nicht verstehe; denn sie schlagen wohl an mein Ohr, aber dringen nicht in mein Bewußtsein. Und doch sprechen alle drei diese Worte klar und deutlich aus! Wie ein stiller Seufzer geht es durch die ganze Ver- Sammlung, von der Kanzel bis in alle Winkel des Hauses, und nach dem Seufzer hört man die Worte: ״Nach dem Willen Gottes und nach dem Willen der Gemeinde erlauben wir — heute zu essen und zu trinken!“ .. . Furchtbares Schweigen, Todesschweigen in allen Ecken des Gotteshauses! Niemand rührt die Wimper, niemand wagt zu atmen. 37