Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- – (sequence 108)
- Language
- German
- Belongs to
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552 Von Dreien, die gegessen haben. greifen, was damals meine Fassungskraft überstieg und daß in meinem Herzen sich der leise Zweifel regte, ob diese drei Hirten Israels nicht zu verurteilen wären, ob dessen, was sie getan. Und doch fiel auch damals schon wie ein Blitzstrahl die Er־ kenntnis in mein Herz, daß es etwas Großes und Gewaltiges gewesen, was die drei getan, daß sie heilige Männer waren, mit festem Geist und reinem Herzen, und daß es ihnen nicht leicht geworden ist zu tun, was sie getan haben. Wer weiß, wie schwer der Kampf gewesen, den sie in den Tiefen des Herzens auszufechten hatten! Wer weiß, was sie getragen, was sie gelitten haben! . . . Und sollten noch der Lebensjahre viele mir beschieden sein, jenen Tag und jene Männer und was damals geschehen, ich werde es nie vergessen; nie werden diese Dinge aus meinem Herzen je getilgt, nie jene Männer aus meinem Herzen weichen. — Wahrlich, auch ihnen gebührt ein Platz unter den Helden! ... Jene Tage waren Unglückstage, Tage, wie sie niemals vorher gewesen und vielleicht niemals wieder sein werden. In jenen Tagen brach das Verderben zum ersten Mal herein und es hieß: die Cholera! . . . Aus fernem Lande, vom Osten her, war der Engel des Verderbens in unsere kleine Stadt gekommen, draußen raffte er hin ohne Rettung, und im Innern mordete er schonungslos. Im Dunkel wandelte die Seuche, und am Mittag im hellen Sonnen־ licht wütete die Pest, und die dem großen Sterben Entronnenen schwebten zwischen Leben und Tod. — Wer zählt die Toten, die in jenen Tagen gestorben? Wer nennt die Leichen und die Gräber, die Tag für Tag sich türmten?? Zumal im Judenviertel, wandelte die Pest und schwang die Geißel ihres Grimmes, zu schlagen, zu vertilgen, zu vernichten jung und alt; da war kein Haus, in dem nicht eine Anzahl von Toten lag. In dem Haus, in dem meine Eitern wohnten, starben an einem Tage im oberen Stockwerk neun Seelen; im Keller unter uns starb eine Mutter und vier Kinder, im Haus, das uns gegen־ über lag, hörten wir die ganze Nacht Jammergeschrei, und am Morgen erfuhren wir, daß auch nicht eine Seele am Leben geblieben war . . .