Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- – (sequence 109)
- Language
- German
- Belongs to
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fl Von Dreien, die gegessen haben. S53 Die Totengräber batten kaum noch Kraft, ihr trauriges Handwerk zu üben. Wie Dünger lagen die Leichen auf der Erde. Menschenkörper lagen wertlos, unbeachtet da. Der Sommer ging zu Ende — es kamen die ehrfurcht״ gebietenden Tage und zum Schluß der furchtbarste von allen: Jaum-kippur. Und jener Tag ist der Tag, von dem ich gesagt habe, daß ich ihn nie vergessen werde, daß die Erinnerung an ihn nie aus meinem Herzen schwinden wird. Kol-nidre-Abend! — Vor dem Pult neben der heiligen Lade steht diesmal nicht der Vorbeter und zwei angesehene Männer der Stadt, sondern der Raw und seine beiden Dajonim. Rings herum brennen viele Lichter, und aus den Flammen steigt ein leises Singen auf. Die versammelte Gemeinde steht betend, alle in Tallis und Kittel gehüllt. An der Wand erscheinen Schattenbilder, bald hier, bald dort, die sich ruhelos bewegen, und viele von den Betern blicken starr auf die Schattenbilder hin. — Sind es Schatten der Toten, die heute gestorben, oder sind es die von gestern und ehegestern? Bewegen sie sich jetzt ruhelos an der Wand? Konnten sie in ihren Gräbern keine Ruhe finden, und sind auch sie in das Gotteshaus gekommen??? . . . Stille! Man hört den Raw sprechen und nachher seine Dajonim — und wie ein leises Seufzen zieht es durch die ganze Schar. Und nach dem Seufzen hört man die Worte: ״Nach dem Willen Gottes und nach dem Willen der Gemeinde erlauben wir es, gemeinsam mit den Sündern zu beten“. Ich horche plötzlich auf. Wie kann der Raw so etwas sagen! Wo sind denn jene leichtfertigen Männer, mit denen zu beten er uns diesmal erlaubt? Warum nennt er heute das Wort ״Sünder“? Scheut er sich nicht, in einer Zeit des Unglücks ein solches Wort in den Mund zu nehmen? . . . Finsterer Schrecken überfällt mich, und es scheint mir, daß er auch alle Menschen im Gotteshaus befällt, jung und alt. . Dann sehe ich, wie der Raw auf die Kanzel hinaufgeht. Will er jetzt eine Predigt halten? Will er zum Volke in einer Stunde sprechen, da seine Leichen vor ihm liegen? . . .