Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- – (sequence 106)
- Language
- German
- Belongs to
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550 Bilder aus Litauen. wird, reichen die schwachen Kräfte nicht aus, langen die so geringen Erfahrungen nicht, eignen sich die so gar nicht disziplinierten Naturen nicht. Trotz der so drückenden Wirtschaftliehen Lage, trotz der Unmöglichkeit eines anderen Broterwerbes und trotz der verhältnismäßig günstigen Angebote hat der Versuch, die Juden in größerem Umfange zu landwirtschaftlichen Arbeiten heranzuziehen, nur sehr geringe Erfolge gezeitigt. Es mag zum Teil an der Art und Weise liegen, wie diese Versuche angefaßt worden sind; ohne Kenntnis oder in Vernachlässigung der jüdischen Eigenheiten; zum größeren Teil aber liegt es an der Furcht der Juden selbst vor dem Neuen, dem mangelnden Selbstvertrauen und Vertrauen zu den vermittelnden Stellen. Und nicht zuletzt an dem in Jahrhunderten zwangsweise anerzogenen Handels- und Krämergeist. Doch wozu schildere ich Ihnen das Alles? Wenn Sie die Kleinstadtostjuden in ihren Lebensgewohnheiten geschildert haben wollen von all ihren vielen guten uns so anheimelnden Seiten und auch in ihren — wiederum ganz eigenartigen Fehlern, so greifen Sie zu den Werken der Meister der jiddischen Literatur, zu den Büchern des Mendele mocher seforim und Scholaum alechem. Die Anfangsschwierigkeiten, die das Lesen des Jargon bietet, sind schnell überwunden. Noch heute treffen die Schilderungen, die vor ca. 30 Jahren geschrieben, soweit zu, daß Sie nicht nur in jedem kleinen Städtchen seine Typen wiederfinden, sondern jeden Kleinstadtjuden ohne weiteres mit einer der in den Büchern geschilderten Personen identifizieren können. Mendele’s Kabzansk und Scholaum aleichems Kasrilowka können geradeso gut den Namen irgend eines der litauer Städtchen tragen. Mendeles: ״Kliatsche, Winschfingerl, Beemek habocho, Pischke der Krummer“ u. a. Scholaum alechems: ״Menachem Mendels Briefe und Novellen“ können Ihnen in Berlin mehr von den Ostjuden erzählen, sie Ihnen näher bringen, als wir, die mit unseren Augen, durch die Brille der angeborenen deutschen Anschauungen und Weltverbesserungssucht die Verhältnisse sehen und doch mit jedem Tage, den wir länger in dem neuen Kreise verleben, uns, wenn wir ehrlich sein wollen, sagen müssen, daß wir Land und Leute weniger kennen, als je zuvor.