Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- – (sequence 105)
- Language
- German
- Belongs to
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Bilder aus Litauen. 549 ungewohnte körperliche Arbeit ohne Rücksicht auf Sabbath und Speisegesetze — all das hat Lücken in den Zaun der Thora gerissen, aber zerstören konnten die feindlichen Mächte die festfundierte Mauer nicht. Hier liegt die wurzelechte, nur in wenigen ״intelligenten״ Familien angenagte jüdische Volkskraft. Leider, oder besser gesagt, glücklicherweise nicht so erkannt und nicht so zum Zielpunkt unserer Organisation und ״Neuorientierung״ gemacht als die leichter uns zugängliche jüdische Masse der größeren Städte, in denen schon vor dem Kriege die Revolutions- und Reaktionsjahre 1905—1908 die unsäglichsten geistigen Verwüstungen angerichtet haben. Trotzdem kann nicht etwa von geistiger Trägheit in den kleineren Städten gesprochen werden. Die Jugend, auch die mit Gymnasialbildung und besonders die Mädchen haben einen Bildungshunger, der in falsche Bahnen gelenkt, zum Verhängnis werden könnte. Die Rabbonim haben die Gefahr erkannt, sind aber — meistens durch ihre wirtschaftliche Lage und mehr noch durch die ihrer Gemeinde kaum imstande, etwas Entscheidendes zu veranlassen. So ist ihnen die starke nationale Strömung, die sich besonders durch Pflege der hebräischen Sprache und Literatur bemerkbar macht, nicht unwillkommen als Mittel zum Zweck, ihrer Gemeinde die Liebe und Treue zur Thora und ihren Geboten, zum Thorastudium zu erhalten. מתוך שלא לשמה בא לשמה lischmoh, bo lischmoh. Mädchen, die früher kaum in der Tefilloh Bescheid wußten, können heute jede Stelle aus der Newiim und Kessuwim zitieren, deklamieren Tillim und Mischlei — wenn sie wie die Mamme Tillim ״sagen״ würden, wäre es schöner und besser. Herrliche Männer sinds, die ich in vielen der Rabbonim kennen gelernt habe, Männer, die in Gestalt und Aussehen, die in Wissen und Wort an jene Großen erinnern, die sie stolz ihre Ahnen oder Lehrer und Meister nennen. Unbesorgt kann die jüdische Diaspora ihnen das geistige Schicksal ihrer Gemeinden anvertrauen, nur wirtschaftlich müssen ihnen die Wege geebnet werden. Zu der Herkulesarbeit, die die Regelung der sozialen Frage der Ostjuden nach dem Kriege beanspruchen