Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- – (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Mathematik und Apologie. 515 scher Denkweise sich erzielen lassen. Wir sollen nachgerade gegen die Zuverlässigkeit der in mathematische Formeln gekleideten ״Naturgesetze״ mißtrauisch genug sein, wenn wir bedenken, daß ein so stolzer Bau wie das Ptolemäische System vor dem Kopernikanischen hat dahinsinken müssen, und wie die neueste Zeit auch an den Grundlagen dieses letzteren zu rütteln sich unterfängt. So gelangen wir denn den mathematischformulierten Naturgesetzen gegenüber zu dem Standpunkte des berühmten Entdeckers der Spektralanalyse Gustav * Kirchhoff, der das Wort ״erklären“ in der Physik grundsätzlich vermieden wissen wo.lte und sich damit begnügte, die Vorgänge nur zu ״beschreiben״. Er sieht auch in den dankbarsten und leistungsfähigsten Formeln nur Zusammenfassungen von Beobachtungsergebnissen, und das ist auch die wissenschaftlich allein berechtigte Auffassung der ״Naturgesetze״. Die Natur geht ihre Wege unbekümmert um unsere Weisheit, und wir müssen darauf gefaßt sein, daß eines Tages neue Erscheinungen bekannt werden, die unsere alten Formeln vervollständigen, wenn nicht gar über den Haufen werfen. Die Herrschaft einer Formel als Naturgesetz beruht manchmal bloß auf ihrer mathematischen Einfachheit. Beweis dessen das Gay-Lussac’sche Gesetz, das durch eine einfache Funktion angibt, wie die Temperatur eines luftförmigen Körpers sich ändert mit seinem Rauminhalt, ausgehend von seinem Rauminhalt bei der Temperatur des schmelzenden Eises. Aber eben dieser Ausgangspunkt ist ein ganz willkürlicher und Hauptgrund für die Eindeutigkeit der inbetracht kommenden Funktion. Viel gründlicher umfaßt die Erscheinungen die von Dalton aufgestellte Funktion, die von der sogenannten absoluten Temperatur ausgeht, was freilich die Einfachheit der Funktion beeinträchtigt, denn sie muß Logarithmen in sich aufnehmen. Dieses Beispiel zeigt uns gleichzeitig, wie wir namentlich dem jugendlichen Geiste unserer Schüler unablässig einprägen müssen, daß die sogenannten Naturgesetze nur der zusammenfassende Ausdruck für zahlreiche Messungen und Beobachtun-