Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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Die nationalen Forderungen des jüdischen Volkes in Rußland usw. 493 Interessen würden ihre Aufmerksamkeit von den Eiasseninteressen ablenken. Unter dieser Begründung wurde auch z. B. auf dem 3. Parteitag in Kowno im Jahre 1889 der Vorschlag abgelehnt, die Forderung der bürgerlichen Gleichstellung durch eine umfassendere Forderung der nationalen Gleichstellung zu ersetzen. Zwar sind die Bundisten seitdem auf dem Wege der nationalen Forderungen weitergegangen und haben ihr Programm entsprechend erweitert. So leugneten sie früher die Notwendigkeit einer besonderen Sprache für die Juden. Ihre Führer, die aus der assimilierten Intelligenz stammten, mußten aber zum Volke jdisch reden, wenn sie verstanden werden wollten. So haben sie sich merklich und allmählich nationalisiert. Jetzt erkennen sie das jdische als die einzige jüdische nationale Sprache an. Die Bundisten schritten aber auf diesem Wege der Nationalisierung nur langsam vor. Sie führen bis jetzt einen erbitterten Kampf gegen die andern jüdischen sozialistischen Parteien, die ein breiteres nationales Programm haben, so besonders gegen die Poale Zion. Sie werfen ihnen vor, keine guten Sozialisten zu sein und sich den Bourgeois- Interessen verkauft zu haben. Es ist für den Bund sehr charakteristisch, daß er von diesem extrem-sozialistischen Standpunkte aus im Jahre 1905 sich gegen die Wiederherstellung Polens aussprach. Und noch vor zwei Jahren, als die Juden in Rußland eine Selbstbesteuerung zu gunsten der zahlreichen jüdischen Flüchtlinge eingeführt haben, haben sich die Führer des Bundes gegen diese Selbstbesteuerung ausgesprochen, weil durch sie das nationale Moment zu sehr hervorgehoben und die Klassengegensätze zu sehr vertuscht würden. Das nationale Programm des Bundes hat sich, wie gesagt, stets geändert, da sich seine assimilierten Führer immer der Masse anpassen mußten, die naturgemäß national ist. Ihr Programm enthält aber nur eine nationale Forderung — die der eigenen Schule in jdischer Sprache. Sie fordern nur eine kulturelle Autonomie und ihr Programm ist daher viel enger, als die der jüdischen Nationalen Partei. Die Bundisten stellen sich aber die Verwirklichung dieser Autonomie ganz anders 33