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Jeschurun · 1917-09-01 · Heft 9-10 (September 1917) · page 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1917)
Issue
Heft 9-10 (September 1917)
Date
1917-09-01
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Sittenreinheit. 465 Wir sind freilich dieser scheinbar sehr seltsamen Meinung. Nur braucht man beim ״Lernen״ ja nicht gerade an Gemoro und Poskim zu denken. Wenn die Mädchen, die Zionistinnen sind, aus eigenem Antrieb hebräisch sprechen und schreiben lernen und die neuhebräische Literatur beherrschen, warum sollen unsere Mädchen nicht ihren Stolz darin sehen, es dahin zu bringen, daß sie selbständig im Urtext der Bibel zu forschen vermögen, daß sie das mittelalterliche Hebräisch lernen, damit ihnen die Midraschim, die jüdischen Exegeten und etwa auch ein wenig von der rabbinisehen Literatur zugänglich werde. "Wir sind nicht der Meinung, daß unsere Frauen die Willensstärke aufbringen werden, noch nachträglich, wenn ihre Kinder heranwachsen, sich jene Kenntnisse anzueignen. Das wäre ein unbilliges Verlangen. Obwohl wir Mütter gekannt, die mit ihrem Jungen Latein und Griechisch mitgelernt, damit sie seine Schülerarbeiten überwachen könnten und er auf sie mit seinen Kenntnissen nicht einmal herabsähe. Aber wollen wir die künftigen Mütter nicht dahin bringen, daß sie statt all des Firlefanz von Musikunterricht, wenn keine musikalische Begabung vorhanden ist, der in den besseren Kreisen ״obligatorischen0 Kunstgeschichte, nach der sie alle Kirchen und ihre Kunstschätze parat haben müssen, von unserer heiligen Literatur nicht nur in den paar kümmerlichen Religionsstunden nippen, sondern tief in sie eindringen. Die Grenzen zwischen der Knaben- und Mädchenerziehung haben sich ja ohnedies verrückt. Auch hier ist es zweck- und darum sinnlos zu klagen. Denn die Verhältnisse sind stärker als unsere Wünsche. Wo aus der Not heraus die Tochter einen Beruf ergreifen muß, da gilt ja für die Erziehung und Besehäftigung der Mädchen das Gleiche, was wir oben von den Knaben ausgeführt. Ob ein Mädchen meinem Geschäft tätig ist oder einem Studium obliegt, die Mußestunden werden irgend einer Lieblingsbeschäftigung gewidmet werden und es wird die Aufgäbe der Eltern sein, schon in früher Jugend das Mädchen soweit in unser jüdisches Schrifttum eingeführt zu haben, daß sie an der Lektüre, an Fortbildungsstunden, an Vorträgen, an Diskussionsabenden, die sie hier fördern, ihre Freude hat.

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