Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Sittenreinheit. 459 Leidenschaft, die wie eine Naturgewalt sich geltend macht, mit Vernunftgründen entgegengetreten werden könnte, als ob ein reicher Schatz von Wissen, als ob ein tiefes Fühlen oder selbst ein starkes Wollen jedes für sich ausreichte, um als Sieger aus dem Kampfe hervorzugehen. Es wird also in allererster Seihe sich darum handeln, zu verhüten, daß jenes starke Fühlen und Wollen, das in jener Leidenschaft zum Ausbruch kommt, von vornherein niedergehalten wird, daß wir es verhindern zu jener Stärke anzuwachsen. Nach einem psychologischen Gesetz vermag in einem bestimmten Zeitraum immer nur ein kleiner Ausschnitt unseres Denkens über die Schwelle des Bewußtseins zu treten, immer nur eine kleine Summe von Gefühlen mit dem höchsten Ausmaß von Intensität in uns sich auszuwirken, immer nur ein einseitig gerichteter Wille mit der vollen Wucht sich durchzusetzen. Will man das Aufkommen einer Leidenschaft verhüten, so ist immer noch das beste Mittel, alle seelischen Kräfte auf irgendein bestimmtes Ziel zu richten, das dem Wirkungsbereiche jener Leidenschaft fernliegt. Die Kräfte, die hier verbraucht werden, werden jenem Gebiete entzogen. Körperliche und geistige Arbeit, unermüdliche nie aus• setzende Arbeit ist so das eine Schutzmittel. Aber es kommen Zeiten und müssen Zeiten kommen, wo diese Arbeit aussetzt, aussetzen muß, weil Erholungspausen eingeschoben werden, und da meldet sich jenes zentrale, den Menschen beherrschende Begehren mit verstärkter Macht. Da kann nur das zweite Schutzmittel helfen, das Einsetzen der ganzen Persönlichkeit. Nicht einzelne Vernunftgründe, nicht auftauchende Gefühle, nicht spontane Willensakte, nur das Ich als Ganzes kann in den Kampf eintreten mit der Aussicht, den Sieg zu erringen. Vielleicht meint das Hans Wegener in dem erwähnten Buche mit dem Appell an die Mannesehre, wenn er es auch nicht in diesem Sinne ausspricht. Die ganze Persönlichkeit muß in die Wagschale geworfen werden können, alles, was man je gedacht, gefühlt und gewollt, was in den vielen Jahren des Heran- Wachsens in der Seele sich aufgespeichert hat, um das bestimmte