Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sittenreinheit. 443 ״Sitte״ doch eine Einheit bildet, denn diese ..Sitte״ ist gegründet nnd fest verankert in der jüdischen Grundauffassung, 'wie sie in unserem heiligen Gesetz niedergelegt ist. Und so werden wir auch dazu schreiten können, uns über das Klarheit zu verschaffen, was ״Sittenreinheit״ für uns bedeutet. Oder sollte das doch eine Selbsttäuschung sein? Sollte die Verschiedenheit unserer Sitten so tief einschneidend sein, daß wir uns auch über das Wesen der ״SiUenreinheit“ nicht mehr einigen könnten? Ich glaube: nein! Ich glaube der Maßstab ist uns noch nicht verloren gegangen, so sehr auch viele von uns fehlen. Denn ein anderes ist die Frage: Sind wir noch sittenrein? ein anderes: wissen wir noch, was Sittenreinheit ist? Kein Zweifel: Einen osteuropäischer Raw würde manches sehr seltsam berühren, wenn er unmittelbar aus der Enge seines Kreises in unsere Mitte verpflanzt würde. Die jüdische Gymnasiastin und Studentin ist ihm ja nicht unbekannt. Aber in streng religiösen Kreisen der ungezwungene Verkehr zwischen den Geschlechtern, die Teilnahme der Erauen an den öffentliehen Institutionen, die fromme Rabbinerstochter als Studentin der Medizin, die Gespräche über die moderne Literatur im Erauenmunde usw. Das alles würde ihn fremdartig, unjüdisch berühren, und er würde es zuerst schwerlich mit seinem Begriff von jüdischer Sittenreinheit in Einklang zu bringen wissen. Aber wie immer kommt es nicht auf die äußere Form, sondern auf den Kern der Sache an. Unsere heilige Thora hat uns in den איסורי עריות eine Reihe von Verboten gegeben, die unser Haus und unsere Person schützen sollen, aber außerhalb dieser Schranken einen weiten Spielraum gewähren. Ob die Gedanken keusch, ob die Empfindungen unberührt sind, darauf kommt alles an und ob unser Wollen rein! 'Wir wissen, daß kameradschaftliches Zusammenarbeiten von Jünglingen und Jungfrauen möglich ist, ohne daß es ein Hauch von Sinnlichkeit befleckt, denn wir erleben es Tag für Tag. Wir sind überzeugt, daß das Ideal der כל כבודה בת מלך פנימה nicht herabgewürdigt wird, wenn die Frau auch draußen im Kampfe ums Dasein, im öffentlichen Wirken, im Streite um