Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sittenreinlieit. 447 beiden deutschen Handlungsreisenden, die nach einer großen russisch-jüdischen Stadt kamen. W. sagte der eine, das ist ein Jeruscholajim, Tag und Nacht wird gelernt, in jeder Straße soviele Bothe Midraschim, man müßte Monate verweilen, um das jüdische Treiben ganz auszukosten. W. sagte der andere — das ist ein Sedom und Amauro, auf dem Bahnhof wurde ich schon belästigt, an jeder Straßenecke ein Freudenhaus, auf Schritt und Tritt wird man von der Unzucht verfolgt. — Und wenn unter den furchtbaren Folgen des Krieges jetzt Zustände eingetreten sind, die angesichts der doch sonst sprichwörtlichen Reinheit der jüdischen Frauen uns mit Grauen erfüllen, ein Unbegreifliches, das uns als eine Verläugnung der innersten Natur des jüdischen Volkstums erscheint, so mögen wir uns die grausen Verkündigungen ins Gedächtnis rufen, welche die pentateuchischen Strafreden enthalten, nach der in der Belagerung die Mütter ihre eigenen Kinder verzehren. Dostojewski hat in der Gestalt der Ssonja in ״Schuld und Sühne״ mit Meisterhand geschildert, wie der Hunger der Geschwister ein reines junges Mädchen auf die Straße treibt. In tausendfach verstärkter Gestalt und in unzähligen Fällen haben sich die gleichen Seelenkämpfe in unserer Zeit abgespielt. Aber trotz allem, wollen wir ehrlich sein, dann müssen wir gestehen, daß auch v־or dem Kriege, in manchen Kreisen vor allem in Polen und Galizien Zustände eingerissen waren, die uns nur mit tiefer Beschämung erfüllen konnten. Wer kennt sie nicht jene Paare, der Mann jeden Morgen in der Mikwe und die Frau mit allen Zügen des ״pariserisch“ angehauchten Halbasiatentums. Wenn irgendwie der Bankerott der Mädchenerziehung zu Tage tritt, so ist es hier, und allen, die es angeht, rufen wir es zu: Nein, das ist nicht ״gesetzestreues Judentum“ und energisch ziehen wir eine Scheidewand zwischen uns und dieser Entartung im Osten, in gleicher Weise wie wir sie aufrichten zwischen uns und dem ״gebildeten“ Großstadtpöbel im Westen. Haben wir die rechten Grenzlinien gezogen, dann wissen wir, von wem wir reden: Von dem gesetzestreuen Judentum, das trotz aller scheinbaren Gegensätze in den Sitten, in der 30*