Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Date
- 1917-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die nationalen Forderungen des jüdischen Volkes in Rußland usw. 35g Kurz — nur in einer eigenen Schule könnten wir die neue Generation mit dem Geiste erfüllen, der uns selbst innewohnt. Es handelt sich aber hier nicht um das Lehrprogramm allein. Die Sprache der Schule spielt dabei eine ebenso große Solle. Bekanntlich sprechen die russischen Juden eine eigene Sprache — das Iddische, das die Muttersprache von 95 °/0 unter ihnen ist. Das Iddische ist die Sprache der Gasse, des Umganges, des täglichen Lebens. Die Sprachen der Literatur, der Wissenschaft, der täglichen und periodischen Presse sind das Hebräische und das Iddische, das erste vielleicht in höherem Maße noch. Es ist nun ein natürlicher Wunsch seitens der russischen Judenheit, daß diese seine Sprachen zu Muttersprachen auch des kommenden Geschlechts werden, damit die geistige Kontinuität nicht unterbrochen werde. Denn nur in seiner eigenen Sprache kann ein Volk schöpferisch werden, nur in einer Sprache, die sozusagen ein Spiegel seiner inneren Psyche ist, kann es bleibende Werte schaffen. Deshalb müssen die Sprachen der russischen Juden auch bei ihren Kindern fortleben. Aber nicht nur deshalb. Denken wir uns, was wäre, wenn die russischen Juden ihre eigenen Sprachen vergäßen und sich die Sprachen der sie umgebenden Völker angeeignet hätten, wie es in ganz Westeuropa der Fall ist. Man pflegt ja in diesem Zusammenhänge auf das Beispiel Deutschlands hinzuweisen. Kein historischer Vergleich ist aber vielleicht so verfehlt wie dieser. In Deutschland sprachen früher alle Juden ein verdorbenes Deutsch, ein Jargon, und jetzt sprechen sie ein richtiges Deutsch. Das ist alles. Bei uns liegen aber die Dinge wesentlich anders. Rußland ist kein National-, sondern ein Nationalitätenstaat. Bei uns würden die Juden bei der Aufgabe ihrer eigenen Sprache gar nicht alle russisch sprechen. 2 Millionen von ihnen hätten die polnische Sprache angenommen, eine Million — die ukrainische, eine halbe Million — die litauische, ebensoviel die rumänische und die russische usw. Anstelle einer einheitlichen Sechsmillionenjudenheit, die durch eine gemeinsame Sprache vereint ist, hätten wir eine Reihe von kleinen Judenheiten, die sich gegenseitig fremd gegenüber