Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1917)
- Date
- 1917-05-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bibelwissenschaftliche Irrungen. 231 tums allmählich immer mehr in den Bann der pharisäischen Gesetzesreligion geschlagen wird. Dem Gläubigen, der in der alten Überlieferung aufgewachsen ist und keine Gelegenheit und oft auch nicht die Fähigkeit hat, sich in diese Literatur zu vertiefen, erscheinen diese Theorieen so hinverbrannt, daß er sie belächelt und gar kein Verständnis für den Wert der Mühe und Arbeit hat, die darauf verwandt wird, diese Theorieen als bloße Hypothesen zu erweisen und zwar als haltlose Hypothesen, deren Beweismaterial sehr zweifelhafter Natur und außerordentlich widerspruchsvoll ist. Er sollte sich aber die Frage vorlegen, warum die großen Männer des Mittelalters, ein Saadja, ein Abarbanel u. v. a. sich der Mühe unterzogen haben, den nichtjüdischen oder sektirerischen Bibelexegeten ihrer Zeit entgegenzutreten, die doch in gewissem Sinne für unser Empfinden viel seltsamere Dinge aus der Bibel herausgelesen haben. Wie aber damals die Bibelwissenschaft jener Zeit auch viele Juden in ihren Bann zog und so jene großen Männer dazu trieb, alles einzusetzen, um die Gefahr zu beschwören, so gilt das auch für unsere Zeit. Wenn anderthalb Jahrhunderte hindurch viele hundert Männer von großer Gelehrsamkeit mit allen Mitteln wissensehaftlicher Forschungsmethoden in das Bibelwort sich versenken, so ist von vornherein anzunehmen, daß manche Schwierigkeit, an der man früher achtlos vorübergegangen ist, aufgedeckt wurde, daß manche beachtenswerten Lösungen gefunden, daß manche ganz neue Auffassung sich Anerkennung erzwingen muß. Nur grobe Unwissenheit kann in der Gesamtheit aller neueren bibelwissenschaftlichen Forschungen, selbst wenn die Autoren auf bibelkritischem Standpunkt stehen, nicl ts anderes als ein Ergebnis von radikalen Zerstörungsversuchen an dem Bibelwort sehen. Dort, wo aber die Arbeit ernster Forscher dem Leser Achtung abringt, wird jeder Wissenschaftlieh Veranlagte sich genötigt sehen, mit dem Ergebnis dieser Arbeit sich auseinanderzusetzen. Dazu kommt noch ein Doppeltes, das wohl in der Ver- 16*