Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1917)
- Date
- 1917-03-01
- Page
- – (sequence 95)
- Language
- German
- Belongs to
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Bilder aus Litauen. 22 diesen Kitsch, diese Moritaten, als Kunst, als Leben in sich einfangen mit einer nur hier zu findenden Aufnahmefähigkeit. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten muß diese Melodramen geschaffen oder doch erdacht haben, die "jede sich nur bietende Gelegenheit ausnuczen, an den Haaren herbeiziehen, mit den gröbsten oft unästhetischen Mitteln das Gefühl zu packen. Voller logischer Widersprüche, so undiszipliniert, überkultiviert sind diese Machwerke, wie sie nur ein ״Ben bajoin ben baja boschenik“ — ein zwischen amerikanischer Ueberfreiheit und russischer Knute zappelnder Geist komponieren kann. Gewiß, Juden treten auf und bewegen sich in jüdischen Häusern, reden in jiddischer Sprache und zeigen jüdische Gebräuche, aber das ״jüdische Leben“ das hier noch so stark pulsierende Eigenleben des jüdischen Volkes, das Gute, Große, Schöne in ihm habe ich bisher in keinem der Stücke gefunden. Das beliebteste Grundmotiv dieser Dramen ist der Gegensatz zwischen dem alten und jungen Geschlecht. Die Alten fromm, reich, angesehen aber harten Herzens, die Jugend gebildet, Künstler, ohne Mittel verstoßen. Der Aufstieg der Jugend in Amerika, das Vertrauen der Alten und im letzten Akt: die edle Jugend erbarmt sich der Verarmten, vergilt Böses mit Gutem. Ein anderes Motiv! Trotz einer den Alten bewußten Liebe eine erzwungene Geldheirat oder Verlobung. Der früher arme Jugendgeliebte in Amerika ein großer Künstler geworden, kehrt mit ungeheuren Schätzen heim usw. Immer sind die Alten die schlechten, die Jugend ach so edel: Zwischen den. ohne jeden Skrupel herbeigeführten dramatisehen Eührszenen, die vor Selbstmord, Sichaufhängen ja dem Keil molei rachamim auf offener Bühne nicht zurückschrecken, wahllos, planlos, heitere Szenen: der komische Alte — gewöhnlich ein halb betrunkenes Hausfaktotum, die Naive meist als Keifende Tante oder Schwiegermutter — nur "der Jargon kann so schön schelten, Kouplets, Tänze ä Ia Apollo^־ theater, ein Tohubawohu von Lust und Leid, von Scherz und Tragik. Doch da — ein jiddisch Liedei, ein Wiegenlied, ein