Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1917)
- Date
- 1917-03-01
- Page
- – (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Ein Eoman über Krieg und Grotteserkenntnis. Verweilen wir einen Augenblick bei den tiefschürfenden Gedanken dieser Dicbterworte. Gewiß haben wir es jetzt wieder neu erfahren, wie unbedingt nötig die Unterordnung der Einzelwillenskräfte zum Heile eines großen Gesamtwillens ist, wie der Begriff ״Staat4‘ über alle anderen Begriffe wie Basse und Partei triumphierend die Oberhand gewinnt. Aber ist das schon ״Gott“? Irren wir nicht, mutet des Dichters Gottesauffassung doch etwas stark heidnisch, wenigstens einseitig germanisch an. Sollte dies wirklich der tiefste Sinn des Wahlspruches: Mit Gott für König und Vaterland sein, wie der Dichter an mehreren Stellen des Buches behauptet? Sollte der in den letzten Jahrzehnten und jetzt noch im Kriege zuweilen gepredigte Nationalismus, der Glaube an die Auserwähltheit einzelner Volksstämme schließlich noch dazu führen, daß jede Nation ihren Separat-Gott, daß die Deutschen ihren deutschen Volksgott anbeteten. Könnte dies nicht am Ende zur wüstesten Selbstverherrlichung und Selbstvergottung der Volkskraft und Volkstüchtigkeit, und dann wieder somit zu einen! Abstieg und auf ein Stadium satter Selbstgenügsamkeit führen. Zeigen sich da nicht am Ende der Entwicklungslinie die englichen Idole des Komfortismus, Mammonismus und Sportismus (so Sombart in ״Helden und Händler“). Uns erinnert ein solches Konstruieren eines National-Gottes bedenklich an die mittelalterliche Auffassung und Darstellung der Bibel, wo die weltgültigen biblischen Persönlichkeiten und Schicksale in den engen Bahmen deutsch-kleinstädtischer Manieren und Gewänder gezwängt werden (so bei Hans Sachs, Dürer u. a.). Umsonst wären die großen Wandlungen dieser Zeit, wenn die mensehheitseinende Gottesidee durch die Idee eines partikularistischen Nationalgottes eine Trübung erfahren sollte. Wie unendlich erhabner dünkt uns die Vorstellung eines alle Menschheit und alle Zeiten umspannenden Weltengottes, wie ihn am deutlichsten die jüdischen Propheten vorgeführt. Dieser ״Herr der Heerscharen“ kennt keine nationale Schranke, keine nationale Auserwähltheit des Volkes Israel, denn auch dieses kann seine Vorzugsstellung verlieren in dem Augenblicke, wo es von seiner