Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1917)
- Date
- 1917-02-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Schiller als Bibelklärer. 95 Getreuen durch Geschenke an sich fesseln und zu einer Art Leibwache machen konnte, — bis er dann, im Besitz einer hinreichenden Gewalt, sich aus dem Anführer und Richter zum Herrn und Gebieter über alles machte und als König den Thron bestieg. Der erste König ist als ein Usurpator, nicht durch die Nation gewählt —, sondern die Nation selber mitschaffend und dann durch Gewalt und Glück auf den Thron gesetzt: so wie die Bibel den Jäger Nimrod urplötzlich und ohne Übergang als König vor uns erscheinen läßt. So haben wir an der Hand Schillers in der biblischen Urkunde die einzelnen Phasen der Menschheitsentwicklung aufgezeigt gefunden. Wir sahen den Menschen selber werden; wir sahen ihn im Rahmen der Familie mit seinen Fähigkeiten und seelischen Eigenschaften sich ausgestalten; wir sahen das häusliche Leben durch die Verschiedenheit der Lebensweise zunächst differenziert, dann durch das Hinzukommen illegitimer Elemente erweitert und durchbrochen: wir sahen dadurch verschiedene Stände sich entwickeln und endlich gerade diese im Laufe der Zeit zu einem Ganzen, zu einem Volk unter einem König sich wieder zusammenfügen. Es ist die Entwicklung vom ersten Anfang bis zu den allen geschichtlichen Zuständen zugrunde liegenden Verhältnissen, es sind die Hauptstationen der Menschheitsgeschichte und die Werdegänge der Zivilisation, die Schiller in der Bibel aufzuzeigen sich bemüht. Denn civis bedeutet ״Bürger״: der Mensch als Einzelwesen und als Glied einer Gesamtheit bedeutet Anfang und Ende der bedeutensten Kulturentwicklung. AvfrpcoTcos £0>0v xoXitixov, sagt Aristoteles, ״der Mensch ist ein staatenbildendes Geschöpf“; er meint damit daß der Mensch im staatlichen Verbände seinen eigentlichem Charakter und seine wahre Bestimmung findet, auf deren Grund die der Menschheit obliegenden Aufgaben gelöst werden können. Wie die Entwicklung als zu diesem Punkte im Einzelnen vor sich gegangen sein kann, das zeigt uns Schiller und er selber läßt sich von der Bibel führen: unscheinbare Bemerkungen, unwesentliche Einzelheiten, geringfügige Nebenumstände — alles wird bei ihm groß und sachlich, ernst und bedeutsam, wesent-