Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- – (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Judenfrage. 63 Assimilation u. a m: Wir müssen es uns versagen, auf alle Einzelheiten einzugehen; uns interessieren vornehmlich die Ausführungen, die das Wort Orthodoxie zur Überschrift haben. Die Orthodoxie kämpft einen Verzweiflungskampf heißt es da. — Sie hat die Überzeugung, daß das Judentum ohne Religion untergehen wird, aber diese Tatsache hält keinen Juden fromm .... Sicherlich nicht! — Aber das gesetzestreue Judentum hat in diesem Sinne nie Massenpropaganda getrieben, sich nie als Universalmittel für alle jüdisehen Nöte empfohlen. Doch lesen wir weiter: ״. . . So beruht auch die orthodoxe Behandlung der Judenfrage auf Irrtum. ... Es steht fest der Jude hat sich gewandelt, weil seine Natur und Bestimmung es ist, sich den lokal und zeitlich wechselnden Umständen anzupassen, . . . . das jüdische Religionsgesetz aber.hat sich nicht mitgewandelt.“ — Der Jude hat sich gewandelt, sicherlich — d. h. ein überwiegender Teil der westeuropäischen Judenheit auch in seiner seelischen Grund- Verfassung (darauf kommt es an) dem Gefühlskreis seiner Umgebung angepaßt, weil .... ihm Ghettozwang und eigener Trieb die Lust zum Fremden geweckt, aber nicht mehr weil sondern obgleich seine Bestimmung von ihm den Kampf für jüdische Welterfassung forderte. Allerdings, wemUman in der ״Verquickungsfähigkeit“ die einzige jüdische Eigenart erblickt, dann kann man auch Assimilation zur jüd. Bestimmung erheben. Aber gerade das war der angreifbarste Punkt der bisherigen Gedankengebung und nur verständlich, wenn von vornherein das Bestreben waltet, von außen her die Judenfrage zu erfassen. Doch die Beweisführung wird noch eigenartiger: ״Die orthodoxe Lösung der Judenfrage“ — das ist eigentlich ein Widerspruch in sich selbst. . . . Denn .... das Golus ... ist selbst nach jüdischer Theologie ein gottgewolltes Schicksal: Der fromme Jude darf nichts tun, um das Golus zu beendigen. . . . Golus aber bedeutet Anpassung. Verquickung mit Fremden, und bedeutet schließlich auch Schwinden der alten Gesetzestreue, sobald auch das fremde Geistesleben ins Judentum eindringt. Es ist ein tödlicher circulus vitiosus, auf dem die Orthodoxie aufgebaut ist“. Ein tödlicher circulus — sicherlich aber nicht der Orthodoxie — des Herrn Dr. Siegbert Feuchtwanger. ״Der fromme Jude darf nichts tun um das Golus zu beendigen, das ein gottgewolltes Schicksal ist. Müssen wir etwa auch bei einem Mordversuch die Hände falten, weil unser Tod doch dann sicherlich auch — wie alles — ein gottgewolltes Schicksal wäre, oder darf ich heute kein Geld verdienen, weil meine jetzige Armut wiederum ein gottgewolltes Schicksal ist‘? Ich weiß nicht, aus welcher jüdischen Praxis Herr Dr. Feuchtwanger diese Kenntnisse schöpfte? Aber wenn in einem logisch und sachlich so streng diszipli-