Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- – (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Die Jüdenfrage. Und was sollte sie sein? Ein Erzählen von dem stillen Mitschaffen der Juden und des ״Jüdischen“ an dem Werke der Menschheitskultur, von ihrem Anteilnehmen an der Entwicklungsgeschichte ihrer Wirts- Völker bei aller äußeren Isolierung, aller äußeren Passivität. Das dynamische Band, das jüdisches und nichtjüdisches Geschehen umschlingt, das gilt es zu erkennen. Oder anders ausgedrückt den jüdischen Einfluß an der nichtjüdischen Geschichte und den nichtjüdischen im Judentum zu erforschen, das wäre die Aufgabe der jüd. Wissenschaft. Als praktisches Beispiel, wie diesen Dingen beizukommen sei, wird da Sombarts Werk genannt ״Die Juden und das Wirtschaftsleben“ ״Den Kapitalismus zu erforschen zog Sombart aus und fand — den Juden“ — Hier ist ein Band zwischen jüdischem und nichtjüdischem Geschehen. — {Es sei bemerkt, nur auf die Methode Sombarts kommt es Feuchtwanger dabei an, nicht auf seine positiven Ergebnisse). Er erfaßt das Jüdische in den Kulturelementen der modernen Wirtschaft und Ge- Seilschaft. Auf diesem Wege wird auch ein neuer Begriff ״Jude“ gewonnen werden. Und nun ist es interessant zu sehen, zu welchem positiven Schluß hier Feuchtwanger kommt, hier wo er plötzlich den Boden formaler Kritik verläßt. ״Nichts ist beständig als der Wechsel“ könnte man als Überschrift setzen. Nichts ist den Juden hier gemeinsam als die ״Verquickungsfähigkeit“ d. h. die Anpassungsfähigkeit an Fremdes und die Lust zur vollen Assimilation. Das ist im Grunde die alte Weisheit Chamberlains, oder wer sie sonst zuerst verkündet hat, bis sie verbraucht worden ist auf allen antisemitischen Gassen. Es sei kurz gesagt: Wir glauben nicht daran, in solcher Verallgemeinerung sicher nicht. — Warum, ein andermal. Wir wollen nur darauf hinweisen, was wir anfangs sagten: Wir glauben, daß der Blick des Verf. doch zu sehr an dem äußeren Geschehen haften geblieben ist. Vielleicht ist das Studium der ״Kommentare und Paraphrasen“ der Sifre Mußor nicht so überflüssig, wenn man von einer Sterilität — d. h. hier Unfruchtbarkeit — der Juden im Eigenen sprechen will. Das war der erste Teil des Feuchtwangerschen Programms, die Judenfrage als wissenschaftliches Problem. Nun kommt die Politik, auf gebaut auf dieser neuen, noch nicht geschaffenen Wissenschaft. Sie bleibt daher wesentlich eine Kritik der bestehenden Lösungsversuche, Sie alle, der Autor kennt vier, Antisemitismus, Zionismus, Orthodoxie und Assimilantismus — sind an Illusionen orientiert, nicht an der jüdischen Wirklichkeit. Solche Illusionen sind zum Beispiel: die personale Auffassung des sachlichen Gegensatzes von Jüdischem und Nichtjüdischem. (Wird der Jude vertrieben, bleibt das Jüdische). Die Fiktion der Einheit und Gleichheit der Juden. Die Möglichkeit einer völligen